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HABICHTSWALDKLINIK
Klinik für
Ganzheitsmedizin und Naturheilkunde
Abteilung Innere Medizin und Naturheilkundliche Ambulanz
34131 Kassel - Bad Wilhelmshöhe
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Vioxx®
- ein neuer Arzneimittelskandal? ©
Ende September 2004 wurde
das Arthrose- und Rheumamittel Vioxx®
vom Markt genommen. Die Aktie des
Unternehmens fiel um 30 %. Millionen von Anwendern sind verunsichert. Was war
geschehen?
Vioxx®
gehört zu den
sogenannten
NSAR (nicht-steroidalen
Antirheumatika). Diese Mittel hemmen das Enzym Cyclooxygenase,
welches Prostaglandine herstellt. Die Prostaglandine fördern Schmerz und
Entzündung. Sie fördern auch noch die Gerinnung, so dass die Einnahme von
NSAR
(hier besonders das
ASS
=
Acetylsalicylsäure,
z.B. Aspirin) die Gerinnselbildung im Blut behindert und somit in gewissem Maße
vor
Herzinfarkten schützt. Die Prostaglandine schützen allerdings auch die
Magenschleimhaut. Dies erklärt den magenschleimhautschädigenden Effekt aller
NSAR.
Vor einigen Jahren
entdeckte man nun, dass es unterschiedliche Formen des Enzyms Cyclooxygenase
(COX) gibt, nämlich Typ 1 und 2. Man entwickelte daraufhin spezifischer wirkende
Medikamente, die so genannten COX-2-Hemmer, die zwar auch Entzündungen und
Schmerzen nahmen, aber den Magen weitestgehend schonen sollten. Studien zeigten,
dass dies tatsächlich funktionierte. Patienten unter COX-2-Hemmern entwickelten
weniger
Magengeschwür. In Deutschland sterben jährlich mehrere Tausend
Patienten an Magenbluten durch
NSAR, was man durch die neuen COX-2-Hemmer
verhindern wollte. Schon seit Jahren gab es aber Hinweise darauf, dass unter den
COX-2-Hemmern mehr
Herzinfarkte und
Schlaganfälle auftreten können. Ob das nur
daran liegt, dass die Bildung gerinnungsfördernder Prostaglandine unter
COX-2-Hemmern nicht mehr gehemmt wird oder noch andere Gründe vorliegen, ist
bisher noch nicht klar. Vor kurzem wurden Daten einer placebokontrollierten
klinischen Studie (APPROVe) bekannt gegeben. Dabei zeigte sich, dass nach dem
18. Monat der Behandlung ein erhöhtes Risiko für
Schlaganfälle und
Herzinfarkte
auftritt. Wer also gelegentlich oder nur für kurze Zeit Vioxx®
eingenommen hat,
braucht keine Angst vor einem drohenden
Infarkt zu haben!
Nach Hochrechnungen von
Peter Sawicki, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im
Gesundheitswesen, soll es allein in Deutschland zu mindestens 2500 zusätzlichen
Schlaganfällen,
Herzinfarkten und
Thrombosen gekommen sein. Die FDA (die
amerikanische Behörde, die für Arzneimittel zuständig ist) errechnete, dass
zwischen 1999 und 2003 Vioxx®
für 27.785 zusätzliche Herzattacken und
Herztodesfälle verantwortlich sei. Anmerkung: All diese Schätzungen sind nicht
so genau, wie sie es verheißen, prinzipiell nicht quantitativ zu belegen und vor
allem wissen wir nicht, wie viele Tode durch Magenbluten verhindert worden sind.
Ich möchte Vioxx® damit keinesfalls schönreden, aber bei differenzierter
Betrachtung relativiert sich oft einiges…
Tatsache ist aber, dass
Vioxx®
eine der erfolgreichsten pharmazeutischen Neueinführungen der letzten
Jahre (Zulassung 1999) war. Der weltweite Umsatz betrug 2003 immerhin 2,5
Milliarden US-$! Einige kritische Fragen hierzu darf man schon stellen dürfen.
Dann werden wir vielleicht sehen, wo der Skandal lag – oder besser die Skandale
lagen.
Die Verordnung von
COX-2-Hemmern ist sicher dann berechtigt gewesen, wenn Schmerzen oder
Entzündungen vorlagen, die nach strenger Indikationsstellung den Einsatz eines
NSAR rechtfertigten und wenn gleichzeitig eine Unverträglichkeit von
konventionellen
NSAR oder bereits ein stattgehabtes
Magengeschwüre/-entzündung
bekannt war. Ich befürchte allerdings, ob diese strenge Indikationsstellung in
der Praxis wirklich konsequent umgesetzt worden ist. Viel zu leichtfertig wurden
(und werden) Schmerz- und Entzündungshemmer eingesetzt, wo man vielleicht mit
alternativen (und nebenwirkungsarmen) Mitteln auskommen würde. Und wenn denn ein
NSAR eingesetzt wird, dann sollte es stets das Beste und Neueste sein! Je teurer
das Mittel ist, desto besser muss es doch sein, sonst wäre ja der hohe Preis
nicht gerechtfertigt, wird immer wieder von Betroffenen, die die Hintergründe
nicht kennen, argumentiert.
Die Pharmavertreter
rannten den Ärzten die Praxis ein und schwatzten den Ärzten die neuen, tollen
Wundermittel auf. In den ersten Jahren nach der Zulassung eines
Medikamentes
unterliegt dieses noch dem Patentschutz. Entsprechend hohe Preise sind die
Folge. „Ältere
Medikamente“ sind immer die billigeren – nicht weil sie
schlechter geworden sind, sondern weil einfach der Patentschutz abgelaufen ist,
und andere Firmen („Nachahmer“), dieses Mittel nun zu einem Bruchteil der Kosten
des Originalpräparates auf den Markt bringen. Die Ärzte fürchteten
Schadenersatzklagen ihrer Patienten (wenn unter
NSAR mal wieder ein
Magengeschwür auftritt) und verordneten fleißig Vioxx®
. Und die Patienten – „gut
informiert“ durch Presse, Fernsehen und Internet – wollten natürlich auch das
(vermeintlich) Beste und forderten das moderne Vioxx®
statt dem alten Voltaren®
.
Ob das indes immer so sinnvoll war, hat sich nun als sehr fragwürdig erwiesen.
Den Schaden haben die Pharmafirma, die das neue Mittel aus Profitgründen in den
Markt gepeitscht hat, die großzügig verordnenden Ärzte, die sich den
Werbeargumenten der Pharmavertreter nicht entziehen konnten oder wollten, und
letztlich auch de Patienten, die unkritisch die neuesten Segnungen der Medizin
über sich ergehen lassen oder diese sogar vehement einfordern.
Wie kann man sich als Laie
denn nun vor unerwünschten
Nebenwirkungen schützen? Einen hundertprozentigen
Schutz gibt es natürlich nie. Man muss eben immer Nutzen und Risiko
gegeneinander abwägen (siehe auch meinen Beitrag über
Nebenwirkungen von
Medikamenten).
Aber einige für
Medikamente im Allgemeinen und
Anti-Rheumatika im Besonderen
geltende Regeln habe ich schon für Sie parat:
Ø Fragen Sie bei jedem Schmerz, bei
jeder Entzündung nach: Kann ich hier nicht auch mit nicht-medikamentösen
Maßnahmen oder mit nebenwirkungsarmen pflanzlichen,
homöopathischen oder
Nahrungsergänzungsmitteln genauso viel erreichen? Gerade bei
Rheuma/Polyarthritis
gibt es zahlreiche Möglichkeiten. Nicht immer werden Sie ohne „scharfe
Medikamente“ auskommen, aber es will eben gut überlegt sein. Für andere
Erkrankungen gilt prinzipiell dasselbe.
Ø Wenn Sie schon ein
Medikament
einnehmen müssen, sollten Sie bei neuen, erst seit wenigen Jahren auf dem Markt
befindlichen Präparaten noch kritischer nachfragen als bei den seit Jahrzehnten
bewährten Mitteln. Warum muss es das neue, viel teurere
Medikament sein?
Überwiegen hier wirklich die Vorteile? Ich muss gestehen, dass ich in meiner
ärztlichen Verordnungspraxis in den letzten zwanzig Jahren immer konservativer
geworden bin. Mittel, die noch keine fünf Jahre alt sind, verordne ich nur sehr
ungern und wenn, dann habe ich besonders gute Argumente dafür. Die Erfahrung
zeigt, dass eine Vielzahl von Präparaten, die bei Einführung als Tiger
abgesprungen sind, dann als Bettvorleger gelandet sind, weil die hohen
Erwartungen doch nicht erfüllt worden sind oder das
Medikament in dieser Zeit
wegen
Nebenwirkungen gar vom Markt genommen werden musste (siehe auch
Lipobay®
).
Ø Die neuen COX-2-Hemmer (z.B.
Vioxx®
, Celebrex®
, Bextra®
) werden auch als Coxibe bezeichnet. Sie können Sie
daran erkennen, dass die Originalsubstanz immer mit „-coxib“ endet. Diese Mittel
habe ich nur dann verschrieben – wenn ich denn einmal nicht ohne
NSAR
auszukommen glaubte -, wenn ich dem Magen des Patienten die „alten“,
magenfeindlicheren
NSAR nicht zumuten wollte. Nebenbei gibt es auch eine ganze
Reihe von naturheilkundlichen Maßnahmen, die den Magen schützen (Wer ist der
Magenfeind? - informieren Sie sich unter
Magengeschwür). Nebenbei: Die COX-2-Hemmer sind keineswegs völlig neutral für den
Magen, sie sind eben nur etwas weniger schädlich. Was jetzt für das Vioxx®
herausgefunden wurde, trifft möglicherweise für alle anderen Coxibe genauso zu –
nur gibt es dazu noch nicht die Studien. Ich würde diese Mittel jetzt also nicht
verdammen, würde als Patient aber schon kritisch fragen: Warum bekomme ich
gerade ein Coxib und kein übliches
NSAR? Rechtfertigt mein „schwacher Magen“
tatsächlich die mögliche Gefährdung für das Gefäßsystem? Auch die anderen Coxibe
führen möglicherweise zu einer erhöhten Rate an
Herzinfarkten und
Schlaganfällen.
(Aktuelle Anmerkung: im April 2005 wurde auch "Bextra" von der Firma Pfizer vom
Markt genommen - . Die
Fach- und Packungsinformationen für "Celebrex" sind seit April 2005 mit weitergehenden
Warnhinweisen versehen. Diese Hinweise betreffen sowohl mögliche kardiovaskuläre
als auch gastrointestinale Risiken.
Sie sind daher nur in besonderen
Ausnahmefällen empfehlenswert.)
Sehr interessant finde ich
auch die Frage, warum ein millionenfach bewährtes naturheilkundliches Medikament
wie das
Kava-Kava
wegen 32 Fällen von
Nebenwirkungen (von denen die meisten vermutlich gar nicht
auf
Kava-Kava
zurückzuführen sind) und 1 (in Worten: einem) Todesfall (eine
Alkoholikerin, die an Leberversagen gestorben ist, was aber dem
Kava-Kava
angelastet wurde) gegen den erklärten Willen der pharmakologischen Experten
(Kommission E) vom Markt genommen wurde, während es bei synthetischen
Medikamenten mit Milliardenumsätzen immer erst einiger Tausend Todesfälle
bedarf, bis etwas unternommen wird (und bei Vioxx®
war es keineswegs das
Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte wie bei
Kava-Kava, sondern die
Herstellerfirma selbst). Auch bei den
Hormonpräparaten, die
nachgewiesenermaßen für tausende von zusätzlichen
Brustkrebsen und
Herzinfarkten
verantwortlich sind, ist das Bundesamt erstaunlich zahm.
Nicht zuletzt der
schreibenden Zunft muss ich einen Vorwurf machen: In den letzten Jahren gab es
geradezu eine Treibjagd gegen Naturheilmittel. Ob
Kava-Kava, Echinacea oder
Vitamin C
– sie seien ja alle soooo gefährlich. Bitteschön, wo ist denn ein einziger
Mensch, der an
Vitamin C
gestorben ist? Natürlich haben auch alle natürlichen
Heilmittel gewisse Risiken und kein Präparat ist völlig nebenwirkungsfrei. Auch
mit
Vitamin C
kann ich bei einem empfindlichen Patienten ein
Magengeschwür
erzeugen. Aber unter Risiko-Nutzen-Abwägung fällt die Waagschale meist zugunsten
der Naturheilmittel aus. Merkwürdig ist nur, dass Wissenschaft, Politik und
Journalismus an diese Präparate viel strengere Maßstäbe anzulegen scheinen als
an die chemisch-synthetischen Arzneimittel wie Vioxx®
. Wenn dann das Kind in den
Brunnen gefallen ist, dann beklagt gerade die „kritische“ Presse das Malheur mit
großem Geheule. Wo sind die wirklich mutigen und kritischen Journalisten, die
sich einmal dieser ungleichen Behandlung von synthetischen und
naturheilkundlichen
Medikamenten widmen?
Fazit: Fallen Sie nicht in
Panik, wenn Sie ein Mittel eingenommen haben, was gerade einen Skandal ausgelöst
hat. Besprechen Sie die Situation in Ruhe mit Ihrem Arzt. Und machen Sie sich
schlau, ob es nicht ergänzend oder alternativ
Medikamente oder Methoden gibt,
die die Einnahme „gefährlicher“ Medikamente in der Dosis zu reduzieren oder ganz
vermeiden zu vermag. Tipps hierzu finden Sie in der seriösen naturheilkundlichen
Literatur (auch hier gibt es nicht nur eitel Sonnenschein!) und bei erfahrenen
naturheilkundlich tätigen Ärzten. Bei individuellen Fragen können Sie sich auch
gern direkt an mich wenden (e-mail, Telefon und Postadresse siehe unten).
Literatur:
Schmiedel/Augustin: Handbuch Naturheilkunde, Haug-Verlag,
Schmiedel: Naturheilkunde kurz & bündig, Haug-Verlag
Mit den besten Wünschen für Ihre Gesundheit
©
Dr. Volker
Schmiedel
Chefarzt der Inneren
Abteilung
FA für Physikalische und Rehabilitative Medizin
Naturheilverfahren, Homöopathie
Dozent für Biologische Medizin
(Univ. Mailand).

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Aktualisiert: Juni 2010
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