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HABICHTSWALDKLINIK
Klinik für
Ganzheitsmedizin und Naturheilkunde
Abteilung Innere Medizin und Naturheilkundliche Ambulanz
34131 Kassel - Bad Wilhelmshöhe
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Lipobay®
- der Skandal liegt woanders - ©
Über 50
Menschen, die den
Cholesterinsynthesehemmer Lipobay® eingenommen hatten, sind
verstorben. Ein ursächlicher Zusammenhang wird vermutet, der Kurs der
Bayer-Aktie stürzte dramatisch ab, Rechtsanwälte fiebern bereits den
Schadensersatzprozessen in hundertfacher Millionenhöhe entgegen. Doch worin
liegt eigentlich der Skandal?
Dass
Cholesterinsynthesehemmer zu einer Muskelzerstörung führen können, ist seit
Jahren bekannt. Auch dass insbesondere die gleichzeitige Einnahme von Fibraten
mit Cholesterinsynthesehemmern dieses Risiko für den Muskel enorm erhöht, ist
überhaupt nichts Neues. In meinem Cholesterinbuch habe ich bereits vor Jahren
(in medizinisch-wissenschaftlichen Maßstäben geradezu eine Ewigkeit) die
parallele Einnahme dieser beiden Substanzen als Gegenanzeige angegeben. Auch die
Pharmaindustrie hat diese Erkenntnisse berücksichtigt und in den Informationen
für Ärzte sowie in den Beipackzetteln ausdrücklich davor gewarnt.
Ohne
jetzt den Bayer-Konzern verteidigen zu wollen, frage ich mich allerdings,
welches schuldhafte Verhalten diesem vorzuwerfen ist. Ein Skandal wäre es
natürlich dann, wenn den Verantwortlichen von Bayer frühzeitig Informationen
über ein erhöhtes Risiko gerade von Lipobay® gegenüber anderen
Fettsenkern
vorgelegen hätte, und sie dieses Wissen nicht weitergegeben hätten. Hierfür gibt
es aber (noch) keine stichhaltigen Beweise.
Lipobay - Die Verantwortung liegt beim Arzt
Nein,
ich meine, der Skandal liegt ganz woanders. Die Verantwortung für
Nebenwirkungen
trifft den behandelnden Arzt, wenn er nicht lege artis, nicht nach anerkannten
Richtlinien gehandelt hat. Die gemeinsame Verordnung von Fibraten und
Cholesterinsynthesehemmer ist ein solcher Bruch einer Richtlinie, für den man
schon eine sehr gute Begründung haben muss. Daneben ist allen auch bekannt
gewesen, dass es sich bei
Cholesterinsynthesehemmern um sehr potente
Medikamente
handelt. Der Preis, den man für positive Wirkungen starker Arzneimittel bezahlt,
ist immer das Risiko auch gewisser
Nebenwirkungen.
Cholesterinsynthesehemmer
können auch ohne gleichzeitiges Fibrat in seltenen Fällen unter anderem zu
Leberschädigungen und Muskelzerstörungen führen. Das Nutzen-Risiko-Verhältnis
muss in jedem Fall kritisch abgewogen werden.
Lipobay - Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser
Darüber
hinaus stand und steht den verordnenden Ärzten immer noch die Möglichkeit einer
Kontrolle der
Nebenwirkungen zur Verfügung. Seit Jahren kontrolliere ich bei
jedem Patienten, den ich neu mit diesen
Medikamenten einstelle, nach drei Wochen
nicht nur die Fettwerte, um den Erfolg zu messen, sondern auch die Enzyme CK (Creatinkinase,
welches Muskelzerstörung anzeigt) sowie die Leberenzyme yGT, GOT, GPT (welche
bei Leberschädigungen ansteigen). Kommt es hierbei zu deutlichen
Verschlechterungen, so muss das
Medikament abgesetzt werden. Glücklicherweise
muss ich nicht viele Patienten mit diesen starken Mitteln behandeln, da es mit
natürlichen Maßnahmen oft gelingt, die Fettwerte in vernünftige Bereiche
abzusenken, manche Patienten profitieren aber auch nach kritischer Abwägung von
Cholesterinsynthesehemmer, so dass eine Einnahme durchaus sinnvoll sein kann.
Eine Enzymerhöhung, die das Absetzen erforderlich gemacht hätte, habe ich noch
nie gesehen, aber drohende, gefährliche
Nebenwirkungen wären nach diesem
Procedere relativ sicher rechtzeitig erkannt worden. Die
Cholesterinsynthesehemmer verordnenden Ärzte müssen sich schon fragen lassen, ob
sie jeden neu eingestellten Patienten so sorgfältig beobachten. Meine Erfahrung
sagt mir, dass es nur sehr wenige Ärzte gibt, die sich danach richten.
Lipobay - Bescheidene Rahmenbedingungen für Ärzte
Ein
bisschen möchte ich aber auch die „armen Ärzte“ verteidigen. Es gibt in der
Roten Liste, einem Verzeichnis der meisten in Deutschland erhältlichen
Arzneimittel, einige Zehntausend
Medikamente. Bei allen gibt es nicht nur
Anzeigen, Gegenanzeigen und
Nebenwirkungen, sondern auch noch Wechselwirkungen
zu anderen
Medikamenten. Dies alles kann kein Arzt im Kopf haben. Wenn ein
Patient mit bereits zehn
Medikamenten (dies ist heute keine Seltenheit mehr) zu
ihm kommt, und der Arzt ihm das elfte verordnen will, so müsste er im Prinzip
alle zehn bereits eingenommen Mittel auf mögliche Wechselwirkungen zum neuen
Medikament hin überprüfen. Einige wichtige Interaktionen kennt er natürlich
auswendig, aber eben nicht alle. Nur, lässt ihm das heutige Medizinsystem denn
überhaupt die Zeit, seiner Sorgfaltspflicht in ausreichendem Maße nachzukommen?
Wie wird die halbe Stunde, die er eigentlich für das Literaturstudium benötigen
würde, denn vergütet? Selbst, wenn der Arzt es wollte, er könnte es gar nicht,
oder seine Praxis würde rasch den finanziellen Kollaps erleiden.
Lipobay - Chipkarte ist eine „Beruhigungspille“
Deshalb
ist auch die geplante Einführung der
Medikamenten-Chipkarte ein reiner Sturm im
Wasserglas, ein purer Aktionismus, der angeblich beweisen soll, dass die Politik
sich um die Patienten sorgt – einen Nutzen verspreche ich mir davon nicht.
Natürlich ist es sinnvoll, wenn alle eingenommen
Medikamente parallel erfasst
werden. Wenn es vom Arzt abgefragt wird und vom Patienten vollständig angegeben
wird, ist dies aber bereits heute ohne weiteres möglich. Eine Prüfung auf
mögliche
Medikamenten-Wechselwirkungen wurde damit aber immer noch nicht
durchgeführt. Sinn würde eine solche Chipkarte dann machen, wenn sie von einem
Computer, der alle potentiellen Interaktionen gespeichert hat, automatisch auf
eben diese Interaktionen hin geprüft würde. Dies ist meines Wissens bisher aber
nicht geplant und wenn ja, wer würde dann für die milliardenschweren
Investitionen aufkommen, die ein solches sinnvolles Verfahren kosten würde?
Lipobay - Nicht ein Skandal, sondern viele Skandale
Der
Skandal liegt also in der mangelhaften Sorgfaltspflicht verordnender Ärzte. Der
Skandal liegt aber auch darin, dass den Ärzten immer weniger die
Rahmenbedingungen ermöglicht werden, ihren Pflichten verantwortungsvoll
nachzukommen. Und der Skandal – damit komme ich zum Patienten, damit jeder sein
„Fett“ wegbekommt (passt ja auch gut zum Thema „Fettsenker“) – liegt auch in der
oftmals fehlenden Bereitschaft des Patienten, Verantwortung für seine eigene
Krankheit und deren Behandlung zu übernehmen.
Die
Zeiten des unbegrenzten Vertrauens in die Allmacht unserer Kapazitäten der
medizinischen Hochschulen, der Pharmaindustrie, der Politik, ja des gesamten
Gesundheitssystems sind doch schon lange vorbei. Das müsste eigentlich anhand
der zunehmenden vermeintlichen oder tatsächlichen Skandale auch dem
Gutgläubigsten klar geworden sein. Damit möchte ich überhaupt kein Misstrauen in
die Arzt-Patienten-Beziehung säen. Patienten sollen und dürfen auch weiterhin
Vertrauen zu „ihrem“ Arzt haben. Aber beide – Arzt und Patient – sollen sich
darüber im klaren sein, dass Fehler immer möglich sind. Kein überkritisches
Hinterfragen jeder einzelnen Maßnahme des Arztes tut not, aber ein sinnvolles
Mitdenken. Warum sollte der Patient nicht den Beipackzettel lesen und seinen
Arzt fragen, wenn eine beschriebene
Nebenwirkung auftritt oder er ein anderes
Medikament einnimmt, welches sich mit dem gerade verordneten „beißt“? Warum
reagieren Ärzte immer noch mit Abwehr und persönlicher Kränkung, wenn der
Patient mitgedacht und ihn auf etwas aufmerksam gemacht hat, was ihm selbst
entgangen war? Die Medizin der Zukunft wird (hoffentlich) von einem
partnerschaftlichen Miteinander von Arzt und Patient geprägt werden, die beide
aktiv an der Krankheitsvermeidung und Gesundwerdung des Patienten arbeiten.
Lipobay - Die Verantwortung liegt beim Patienten
Und
hier liegt es eben auch noch bei vielen Mitbürgern im Argen. Warum werden denn
eigentlich so viele
Cholesterinsynthesehemmer verordnet? Warum liegt der
durchschnittliche
Cholesterinspiegel in Deutschland denn bei 250 und in China
bei 150 mg/dl? Wenn Chinesen einen „westlichen Lebensstil“ annehmen, haben sie
übrigens auch sehr rasch die westlichen
Cholesterinwerte. Es darf eigentlich
überhaupt kein
Cholesterinsenker verordnet werden, wenn der Patient sich nicht
vorher mindestens drei Monate bemüht, seine Ernährung drastisch umzustellen,
sich mehr und ausdauernd zu bewegen und ernsthaft für
Entspannung und
vegetativen Ausgleich sorgt.
Ernährungsumstellung ist übrigens mehr, als nur das
Fett vom Fleisch abzuschneiden und die Butter durch Margarine zu ersetzen. Doch
wer möchte das schon? Es ist doch viel bequemer, den gewohnten Lebensstil
beizubehalten und dann ein Mittel einzunehmen, welches laborkosmetisch die Werte
in den Normbereich absenkt. Solange es die Kasse (noch) zahlt, besteht doch
wenig Motivation, selbst für gute
Cholesterinwerte zu sorgen. Es gibt natürlich
einige Menschen, die auch bei gewissenhafter Umsetzung aller natürlichen
Maßnahmen zur
Cholesterinsenkung aufgrund einer genetischen Disposition
exorbitant hohe Werte haben – bei diesen ist dann eine medikamentöse Behandlung
tatsächlich nicht zu vermeiden.
Lipobay - Was lernen wir aus diesem Skandal?
Alle
starken
Medikamente können (müssen im Einzelfall aber nicht) auch starke
Nebenwirkungen haben. Arzt und Patient sollte jede Verordnung eines
chemisch-synthetischen
Medikamentes hinterfragen und kritisch Nutzen und Risiko
gegeneinander abwägen. Das bedeutet nicht, wie ich es leider auch immer wieder
bei „Naturheilkunde-Dogmatikern“ erlebe, grundsätzlich jedes dieser
Medikamente
als Teufelszeug zu verdammen und schlichtweg abzulehnen.
Ein
weiterer Skandal ist, dass zur Zeit nur über die (weltweit) etwa 50 Toten unter
Lipobay®
diskutiert wird, dabei aber übersehen wird, dass alle anderen
Cholesterinsynthesehemmer prinzipiell dasselbe
Risiko aufweisen. Den Konkurrenzfirmen mit anderen Präparaten wird ihre jetzige
Schadenfreude und das Buhlen um Marktanteile („Unser Präparat ist sicher!“) noch
vergehen, wenn sich herausstellen sollte, dass diese anderen Präparate
(vielleicht) keinen Deut besser abschneiden.
Noch
ein Skandal: Was sind 50 Tote, die unter der Behandlung einer gefährlichen
Stoffwechselstörung aufgetreten sind, gegenüber den mittlerweile mehr als 100
Toten, die
Viagra®
eingenommen haben – nicht um eine Krankheit zu bekämpfen, sondern „nur“ um
„ihren Mann zu stehen“. Warum diskutieren wir nicht auch über die
schätzungsweise 1200 Menschen, die jedes Jahr in Deutschland durch die Einnahme
von
nicht-steroidalen Antirheumatika (z.B. Diclofenac, Ibuprofen) an
einem
Magengeschwür verbluten? Seriöse Quellen besagen, dass in Amerika
Nebenwirkungen von
Medikamenten mittlerweile die vierthäufigste Todesursache
geworden ist. Ich bezweifle, dass es in Deutschland anders aussieht. Wovor wird
in Deutschland aber von unseren Pharmakologieprofessoren gewarnt – vor den
„gefährlichen“ Echinacea-Präparaten, vor
Kava-Kava und vor
Mega-Dosen von
Vitamin C.
Wir
brauchen auch chemisch-synthetische
Medikamente. Aber wir brauchen Sie nicht so
oft, wie wir glauben oder pharma-gläubige Ärzte uns immer noch weismachen
wollen. Viele (nicht alle) Krankheiten und Störungen lassen sich zuverlässig,
preiswerter und vor allem nebenwirkungsärmer mit pflanzlichen oder
homöopathischen Heilmitteln, mit richtiger Bewegung und Ernährung und
gegebenenfalls weiteren Naturheilverfahren erfolgreich behandeln (oder sogar
erst gar nicht entstehen lassen).
Wenn
wir diese Skandale als Chance nutzen, ein Umdenken bei jedem Einzelnen, aber
auch im Gesundheitssystem zu erreichen, dann hatte selbst dieser Skandal seinen
Sinn, dann sind die beklagenswerten Opfer nicht umsonst gestorben.
Literatur:
Schmiedel, V.: Cholesterin naturgemäß behandeln, Haug-Verlag
Schmiedel/Augustin: Handbuch Naturheilkunde, Haug-Verlag
Dieser Artikel
erschien in der Zeitschrift "Der Naturarzt". Wir danken dem Access-Verlag für
die freundliche Genehmigung zum Abdruck.
www.naturarzt-access.de
Mit den besten Wünschen für Ihre Gesundheit
©
Dr. Volker
Schmiedel
Chefarzt der Inneren
Abteilung
FA für Physikalische und Rehabilitative Medizin
Naturheilverfahren, Homöopathie
Dozent für Biologische Medizin
(Univ. Mailand).

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Aktualisiert: Juni 2010
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