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Fettsenker ©


Seit einigen Jahren ist die Substanzklasse der Fettsenker auf dem Markt. Von Pharmareferenten wird es geradezu als Wunderheilmittel angepriesen, welches die Rate von
Herzinfarkten drastisch zu reduzieren vermag. Andere betrachten diese Mittel wegen nachgewiesener (z.B. Leber- und Muskelschäden) oder vermuteter (fraglich erhöhtes Krebsrisiko) eher skeptisch. Dieser Artikel soll Ihnen Grundlageninformationen zur auch wirtschaftlich bedeutsamsten Substanzklasse des letzten Jahrzehnts liefern. 

Was sind Fettsenker? 

Synonyme Bezeichnungen für die Fettsenker sind Cholesterinsynthesehemmer
oder HMG-CoenzymA-Reduktase-Hemmer. Hier wird die Wirkungsweise ausgedrückt. Ein
großer Teil des im Körper vorhandenen
Cholesterins stammt nicht aus der Nahrung,
sondern aus der körpereigenen Produktion. Fettsenker wirken über die Hemmung des Enyzms HMG-CoA-Reduktase, welches für die Bildung des
Cholesterins von entscheidender Bedeutung ist. Je nach Präparat und Dosis resultiert eine Cholesterinsenkung, die teilweise 50 % oder mehr ausmachen kann. Dabei wird insbesondere das "schlechte", Arteriosklerose verantwortliche LDL-Cholesterin gesenkt, das "gute", weil Gefäß schützende HDL steigt im Durchschnitt unter der Therapie sogar leicht an. Nebenbei erfahren die Triglyceride auch eine gewisse Senkung. Die Fettwerte im Blut werden also genau in der erwünschten Weise beeinflusst. 

Fettsenker mindern auch die Q10-Produktion 

Leider wird die Bildung der wichtigen vitaminähnlichen Substanz Ubichinon Q10 auch gehemmt, da der Syntheseweg dem des Cholesterins bis auf den letzten Schritt identisch ist. Das Q10 stellt ein Antioxidans dar und ist für den Energiestoffwechsels des Muskels bedeutsam. Es darf spekuliert werden, ob die muskelschädigende Wirkung dieser Medikamente (lesen Sie z.B. auch den Beitrag zu Lipobay) auf einen Q10-Mangel im Muskel zurückzuführen ist und ob mit einer gleichzeitigen Q10-Gabe dieser Nebenwirkung vorgebeugt werden kann. Hierzu gibt es noch keine wissenschaftlichen Forschungsergebnisse, zur Sicherheit gebe ich aber bereits jetzt jedem meiner Patienten mit Fettsenker Q10  (je nach Gefährdungsgrad 30-100 mg). 

Ein anderer Name für diese Fettsenker ist "Statine". Dies kommt daher, weil alle Substanzen dieser Klasse mit "-statin" enden (siehe Tab. 1). Die Tabelle enthält auch noch das inzwischen von den Firmen zurückgezogene, aber offiziell immer noch zugelassene Cervistatin. Nebenbei: Es wird vermutet, dass das Cervistatin den Muskel mehr angreift, als andere Statine. Bewiesen ist dies jedoch noch keineswegs. Muskelschädigende Wirkungen, besonders in Verbindung mit Fibraten, sind aber für alle Statine gesichert (siehe auch: Lipobay). 

Tab. 1   In Deutschland zugelassene Cholesterinsynthesehemmer

Name des Wirkstoffes Handelsname
Atorvastatin Sortis®
Cerivastatin Lipobay®, Zenas® (mittlerweile vom Markt genommen)
Fluvastatin  Cranoc®, Locol®
Lovastatin Mevinacor®
Pravastatin Liprevil®, Pravasin®, Mevalotin®
Simvastatin Denan®, Zocor® 

Die entscheidende Frage: Sinkt die Sterblichkeit? 

Wenn ein Medikament wirkt - und das tun die Statine auf den Fettstoffwechsel zweifelsohne -, so heißt dies noch lange nicht, dass sie auch wirksam sind. Dieser kleine Unterschied stellt keineswegs eine Haarspalterei dar, sondern ist von entscheidender Bedeutung. Ziel der Behandlung soll ja nicht sein, nur eine reine Laborkosmetik zu betreiben. Vielmehr wird mit den medikamentösen Fettsenker n eine Vermeidung von Herzinfarkten, von Schlaganfällen sowie in letzter und wichtigster Konsequenz von vorzeitigen Todesfällen angestrebt. Wird dieses Ziel nicht erreicht, dann nützen auch die schönsten Cholesterinwerte nicht.  

Tab. 2   Gegenanzeigen für Cholesterinsynthesehemmer 

Ø     
Akute Lebererkrankungen
Ø      Cholestase (Gallenstau)
Ø      Erhöhung der Transaminasen (Leberwerte) unklarer Ursache
Ø      Myopathie (Muskelerkrankung)
Ø      Schwangerschaft und Stillzeit

Tab. 3    Nebenwirkungen der Fettsenker

Ø      Hautausschlag
Ø      Muskelschmerz, -krämpfe, -zerstörung
Ø      Kopfschmerz
Ø      Müdigkeit, Schlafstörungen
Ø      Sodbrennen, Blähungen, Bauchschmerz, Übelkeit, Verstopfung, Durchfall
Ø      Anstieg der Leberwerte
Ø      Gelenkschmerz, Lichtempfindlichkeit, Nervenschädigung, Haarausfall,
         verminderte Bildung von Blutplättchen oder weißen Blutkörperchen,
Blutarmut 

Tab. 4   Wechselwirkungen der Fettsenker mit anderen Medikamenten

Ø
      Antikoagulantien (z.B. Marcumar®): Blutungszeit verlängert
Ø      Digoxin (Digitalis, z.B. Novodigal®): Erhöhung des Digoxinspiegels im Blut
Ø      Immunsuppressiva (Mittel zur Unterdrückung des Immunsystems, z.B. Methotrexat):
         Erhöhtes Risiko einer Muskelschädigung
Ø      Nikotinsäure: Erhöhtes Risiko einer Muskelschädigung
Ø      Fibrat (z.B. Gemfibrocil®): Erhöhtes Risiko einer Muskelschädigung (dies ist
         die Kombination des "Lipobay®-Skandals")

Bevor die Statine entdeckt wurden, bestand die medikamentöse Fettsenkung meist in der Einnahme von Fibraten, einer anderen Klasse von Fettsenkern. Auch diese Medikamente senken das Cholesterin zuverlässig, noch besser ist sogar die Senkung der Triglyceride. Es konnte sogar die Häufigkeit von Herzinfarkten messbar vermindert werden - nicht hingegen die Gesamtsterblichkeit. Die Patienten starben weniger an Herz-, dafür mehr an anderen Erkrankungen. Für die Statine konnte hingegen in einigen Studien auch eine Verminderung der Gesamtsterblichkeit gefunden werden - zumindest im Untersuchungszeitraum von etwa fünf Jahren und bei der ausgewählten Gruppe der Patienten. Langzeitstudien von mehr als 10 oder gar 20 Jahren gibt es hingegen nicht - solange existieren die Statine als Fettsenker ja auch noch gar nicht. 

Krebs oder nicht? 

Über die Frage, ob es unter einer Langzeitbehandlung mit Statinen möglicherweise zu vermehrten Krebsfällen kommt, kann daher nur spekuliert werden. Es gibt bisher weder Beweise dafür, noch für das Gegenteil. Erwiesen scheint jedoch, dass zumindest Hochrisikopatienten, z.B. Patienten mit bereits nachgewiesener Arteriosklerose der Gefäße von einer Gabe der Fettsenker bezüglich der Progression der Erkrankung auch als in Bezug auf eine Lebensverlängerung profitieren. In einer großen Studie ließen sich bereits nach 5 Jahren in der Gruppe der mit Statin Behandelten 11% mehr Krebsfälle als unter Placebo (Scheinmedikament) nachweisen - dieser Unterschied war allerdings nicht statistisch signifikant. 

Wirkung nicht nur über Cholesterinsenkung 

Interessanterweise gehen die Effekte nicht hauptsächlich von der Cholesterinsenkung aus, wie man früher glaubte. Zwar trägt die Cholesterinsenkung sicherlich mit dazu bei, dass die Arteriosklerose sich nicht so rasch weiter entwickelt, aber dass dies nicht alles sein kann, schließt man daraus, dass bereits in den ersten Monaten der Behandlung sowie bei Patienten mit sehr niedrigen Cholesterinwerten ebenfalls ein deutlicher Nutzen erzielt werden kann. Dies wird darauf zurückgeführt, dass die Statine als Fettsenker eine gewisse antioxidative Wirkung, vor allem aber eine plaque-stabilisierende Wirkung habe. Dies bedeutet, dass sich auf bereits bestehende, leichte Gefäßauflagerungen (Plaques) aus Fett, Eiweiß und Cholesterin (später auch Kalk) nicht so leicht Gerinnsel aufpfropfen können. Diese Gerinnselbildung ist dann meist der Endpunkt eines Prozesses, der letztlich im Gefäßverschluss, also im Herzinfarkt seinen fatalen und nicht selten letalen (tödlichen) Abschluss findet. 

Ein Wort zu den Nebenwirkungen der Fettsenker 

Die Gegenanzeigen, Wechselwirkungen und Nebenwirkungen sind in den Tabellen 2 und 3 aufgeführt. Bei vorliegender Gegenanzeige verbietet sich natürlich die Einnahme der Fettsenker. Wird eine der "bedenklichen Kombinationen" eingenommen, muss überlegt werden: Darf ich das überhaupt einnehmen oder muss ich eines der beiden Medikamente in Rücksprache mit dem Arzt absetzen (z.B. Fibrat und Statin)? Muss ich eventuell die Dosis der Medikamente anpassen (z.B. Reduzierung der Digitalisdosis bei Erhöhung des Spiegels unter Statin)? Bei den Nebenwirkungen sollte jeder Behandelte beachten, dass es zu diesen kommen kann, aber nicht muss.

Empfindliche Gemüter sollten sich besser nicht die Liste anschauen, da sie dann möglicherweise erst einige der Nebenwirkungen bekommen könnten. Die meisten dieser Nebenwirkungen sind ausgesprochen selten (weit unter 1 %) oder harmlos. So kann ein Anstieg der Leberwerte um bis das Doppelte durchaus toleriert werden, wenn die Werte unter Kontrollen nicht weiter ansteigen. Kommt es zu einer leichten, kaum spürbaren Müdigkeit, ist dies ebenfalls zu verkraften. Selten vorkommende Hautausschläge, massive Schlaflosigkeit, starke Verdauungsbeschwerden oder ein deutlicher Abfall der weißen Blutkörperchen wären jedoch Beispiele für Nebenwirkungen, die zum Überdenken der eingesetzten Dosis oder aber des gesamten Medikamentes führen sollten. Wie bei jeglicher Gabe müssen immer Risiken der unbehandelten Erkrankung gegenüber denen der Medikamenteneinnahme aufgewogen werden. Fast alle der beschriebenen Nebenwirkungen sind reversibel, d.h. sie verschwinden beim Absetzen des Medikamentes sehr rasch wieder. Bei entsprechender Indikation sollte ein Versuch mit einem Statin allemal unternommen werden. 

Wer sollte Statine als Fettsenker einnehmen? 

Nach heutiger Lehrmeinung sollten mindestens alle Hochrisikopatienten für Gefäßerkrankungen
Statine als Cholesterinsenker einnehmen. Dabei handelt es sich um Personen, bei denen bereits eine koronare Gefäßerkrankung bekannt ist (z.B. Herzinfarkt oder mit Herzkatheter nachgewiesene Gefäßverengung), familiäre Hypercholesterinämie oder aus anderen Gründen starke erhöhte Cholesterinwerte, die unbedingt gesenkt werden sollten und mit natürlichen Mitteln bisher nicht in den gewünschten Bereich gesenkt wurden. Ab welchem Cholesterinwert medikamentös behandelt werden sollte, darüber streiten sich die Gelehrten. Wichtig ist: Es gibt keinen Grenzwert, oberhalb dessen jeder behandelt werden sollte, und keinen Grenzwert, der niemals behandlungsbedürftig ist. So würde ich persönlich einen Cholesterinwert von 280 bei einem "guten" HDL von 95 und einem bösen LDL von 155 mg/dl nicht behandeln wollen. Ein Cholesterinwert von 230 mg/dl bei einem starken Raucher mit Stress und Bluthochdruck ist dagegen durchaus therapiepflichtig. 

Bei einer mäßigen Erhöhung (etwa 250 mg/dl) des Gesamtcholesterins bei normalem LDL/HDL-Quotienten ohne Gefäßerkrankung oder Häufung von Herzinfarkten oder Schlaganfällen in der Familie sowie Abwesenheit weiterer wichtiger Risikofaktoren kommt eine medikamentöse Therapie für mich nicht in Frage! Hier sollte immer erst mit weitgehend vegetarischer, ballaststoffreicher Ernährung, regelmäßigen Ausdauerbelastungen und Entspannungsverfahren eine Normalisierung angestrebt werden. Als nächstes sollten Antioxidantiengaben (z.B. Vitamin E und Vitamin C), pflanzliche Heilmittel (z.B. Artischocken- oder Knoblauchpräparate) sowie die Gabe von Lezithin (etwa 1 EL täglich) in Betracht gezogen werden. Meistens lässt sich damit bereits eine zufriedenstellende Senkung erreichen. Der (potentiellen) Gefahr von gefährlichen Nebenwirkungen der Statine als Fettsenker kann somit sicher aus dem Wege gegangen werden. 

Literatur:
Schmiedel, V.: Cholesterin naturgemäß behandeln, Haug-Verlag
Schmiedel/Augustin: Handbuch Naturheilkunde, Kap. Fettstoffwechselstörungen, Haug-Verlag 

Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift "Der Naturarzt". Wir danken dem Access-Verlag für die freundliche Genehmigung zum Abdruck. www.naturarzt-access.de

Die Cholesterinartikel auf einen Blick:

1. Cholesterin: HDL und LDL - das "gute" und das "böse" Cholesterin
2. Arteriosklerose: Ist das Cholesterin für die Arteriosklerose verantwortlich?
3.
Oxidation: Was passiert, wenn Cholesterin ranzig wird?
4. Risikofaktoren:
Die „neuen“ Risikofaktoren Homocystein, Lp(a), Fibrinogen und
    hochsensitives CRP
5. Cholesterinsenker/Statine: die medikamentöse Behandlung - ein Wundermittel?
6.
Fettsäuren: Gute Fette - Schlechte Fette
7. Nikotinsäure: Wenn andere Fettsenker nicht vertragen werden
8. Omega 3: Das Märchen vom Spiegel

Mit den besten Wünschen für Ihre Gesundheit  

 © Dr. Volker Schmiedel
Chefarzt der Inneren Abteilung
FA für Physikalische und Rehabilitative Medizin
Naturheilverfahren, Homöopathie
Dozent für Biologische Medizin (Univ. Mailand).

Animationen animierte Augen

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