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HABICHTSWALDKLINIK
Klinik für Ganzheitsmedizin und Naturheilkunde
Abteilung Innere Medizin und Naturheilkundliche Ambulanz
34131 Kassel - Bad Wilhelmshöhe
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Digitalis ©
Digitalis
hat in der modernen Kardiologie immer noch seinen Stellenwert
Was ist
Digitalis?
Digitalis gehört zur Gruppe der Herzglykoside. Dabei handelt es sich um
Verbindungen pflanzlicher Herkunft aus dem roten, gelben und wolligen Fingerhut.
Herzwirksame Glykoside finden sich auch in Strophantus, Oleander, Adonis,
Meerzwiebel und dem Maiglöckchen. Aus Gründen der Übersichtlichkeit wollen wir
uns hier aber auf die Digitalis -Glykoside beschränken. Sie sind stark wirksam
und es treten relativ häufig
Nebenwirkungen
auf, weshalb sie sämtlich der
Verschreibungspflicht unterliegen und die Therapie von darin erfahrenen Ärzten
genau überwacht werden sollte. Die Gleichung „pflanzlich = harmlos +
unbedenklich“ geht also nicht immer auf, wie wir gerade am Beispiel Digitalis
sehen.
William
Withering führte Digitalis in die Medizin ein
Bereits
im 18. Jahrhundert hat der englische Arzt Withering exakte
Dosierungsempfehlungen für Digitalis bei „Herzwassersucht“ (Einlagerung von
Wasser im Körper durch
Herzschwäche) ausgearbeitet. Er
steuerte die Dosierung von Digitalis
extrakten nach der
Wirksamkeit und den eingetretenen
Nebenwirkungen und erzielte dabei erstaunliche
Erfolge. Seine Dosierungsschemen waren sehr exakt und sind im Prinzip noch heute
gültig. Seine Nachfolger hielten sich jedoch nicht immer an seine Regeln, so
dass Digitalis wegen damit verbundener, teilweise tödlicher
Nebenwirkungen in
Misskredit geriet. Erst nach dem 2. Weltkrieg – als es gelang, Reinglykoside und
damit exakt dosierbare Präparate herzustellen – kam es zu einer Renaissance von
Digitalis. In den darauf folgenden Jahrzehnten erhielt jeder, bei dem auch nur
der geringste Verdacht auf eine
Herzschwäche bestand (genaue
Untersuchungsmethoden wie die Echokardiographie = Herzultraschall standen vor 50
Jahren noch nicht zur Verfügung) ein Digitalis
präparat. Da man
annahm, dass ab dem 60. Lebensjahr praktisch jedes Herz schwach wurde (so
genanntes „Altersherz“), erhielten auch viele ältere Menschen Digitalis, obwohl
nach heutigen Diagnosekriterien keine Anzeige für eine Therapie bestand.
Millionen von Menschen erhielten überflüssigerweise Digitalis, vermutlich
Tausende starben hierdurch. Inzwischen ist das Pendel wieder nach der anderen
Seite ausgeschlagen und viele Menschen erhalten kein Digitalis, obwohl sie davon
profitieren könnten.
Digitalis
– der Fingerhut, nicht nur eine schöne, sondern auch eine heilende Pflanze
Wir
können an diesem Beispiel auf einer Meta-Ebene sehr schön erkennen, dass in der
konventionellen Medizin die Lehrmeinung von gestern nicht selten der Kunstfehler
von morgen und umgekehrt ist. Die heute geltenden Leitlinien werden von so
genannten konservativen Medizinern häufig quasi als Religion angesehen. Ein
Abweichen von diesen Leitlinien wird nicht selten geradezu kriminalisiert, ohne
zu bedenken, dass diese Leitlinien in der Regel eine Halbwertszeit von weniger
als zehn Jahren haben.
Dabei
hat Digitalis in der modernen Kardiologie immer noch seinen Stellenwert. In der
Therapie der fortgeschrittenen
Herzschwäche wird es nach
ACE-Hemmern (bzw.
AT1-Rezeptorantagonisten),
Diuretika
und
Beta-Blockern an vierter Stelle als
„Reservemittel“ eingesetzt, wenn die übrigen Medikamente allein nicht mehr
ausreichen. Eine Ausnahme stellen dabei bestimmte Formen von tachykarden
Herzrhythmusstörungen dar (z.B.
absolute
Arrhythmie bei
Vorhofflimmern,
supraventrikuläre
Tachykardien), die mit einer sehr schnellen Herzfrequenz verbunden sind. Hier
wird die frequenzsenkende Wirkung von Digitalis ausgenutzt. Digitalis ist hier
immer noch das Mittel der Wahl (auch nach den geltenden Leitlinien), wird aber
oft „vergessen“. Der Hauptgrund hierfür liegt auch in dem außerordentlich
niedrigen Preis. Digitalis
präparate sind nicht
mehr patentierbar, da sie schon seit Jahrzehnten auf dem Markt sind.
Pharmafirmen erzielen hiermit nur so geringe Gewinnmargen, dass es sich nicht
lohnt, Digitalis durch Pharmareferenten in den Praxen oder durch
Fortbildungskongresse bewerben zu lassen. Auch hier zeigt sich wieder eine Crux
unseres Gesundheitssystems: Teure, patentgeschützte Mittel werden regelrecht in
den Markt „gepeitscht“, preiswerte, altbewährte oder naturheilkundliche
Präparate, die nicht dem Patentschutz unterliegen, werden hingegen nicht
gefördert – dies ist mit ein Grund für die stetig steigenden Kosten im
Gesundheitsbereich, der leider von unseren selbsternannten „Gesundheitsexperten“
und den Gesundheitspolitikern nicht genügend gewürdigt wird.
Wie wirkt
Digitalis?
Digitalis erhöht die Kontraktilität des Herzmuskels, d.h. der Muskel nimmt an
Kraft zu. Bei manifester
Herzschwäche kommt es so zu einer deutlichen Steigerung
der Auswurfleistung. Übrigens tritt dieser Effekt nur beim geschädigten, nicht
jedoch beim gesunden Herzmuskel auf, weshalb Gesunde nicht von Digitalis
profitieren können, sondern allenfalls
Nebenwirkungen
erleiden. Als
Doping-Mittel für Sportler (wegen der Herzkraftsteigerung) kommt es daher nicht
in Frage. Gleichzeitig senkt Digitalis die Herzfrequenz herab. Das Herz schlägt
dadurch langsamer und auch ökonomischer.
Digitalis:
Wo viel Wirkung, da auch viel
Nebenwirkungen
Digitalis ist für diesen Spruch, der für naturheilkundliche Mittel sonst nur
bedingt zutrifft, das klassische Beispiel. Kaum ein Mittel – auch nicht in der
Schulmedizin – hat eine so geringe therapeutische Breite wie Digitalis. Dies
bedeutet, dass der Dosisabstand zwischen segensreicher Wirkung und gefährlicher
Vergiftung nur sehr klein ist. Bei Überdosierung sind daher
Nebenwirkungen
und
sogar Vergiftungserscheinungen recht häufig. Die Häufigkeit von relevanten
Nebenwirkungen
wird zwischen 7 und 22 % angegeben. Dabei sind
Störungen des
Herzrhythmus mit 90 % am häufigsten, gefolgt von
Verdauungsbeschwerden
mit etwa
50 bis 60 % und Nervenstörungen mit cirka 10 bis 15 %.
Wenn
unter einer Digitalis
therapie die unten
aufgeführten
Nebenwirkungen auftreten, so sollte der Patient sehr schnell seinen
Arzt davon informieren, damit dieser die Therapie entsprechend steuern kann. Auf
keinen Fall sollten Patienten eigenmächtig die Dosis verändern! Auch wenn
jahrelang dieselbe Dosis gut vertragen wurde, kann es zu einer verminderten oder
einer vermehrten Wirkung (mit
Nebenwirkungen) kommen, wenn sich beispielsweise
die Versorgung mit Mineralien (z.B. Kalium, Kalzium) ändert oder andere
Medikamente (siehe Wechselwirkungen) zusätzlich eingenommen werden.
Digitalis:
Was ist noch wichtig?
Digitalis
präparate haben eine sehr
lange Halbwertszeit. Das ist diejenige Zeit, nach der die Hälfte des Mittels
abgebaut ist. Bei Digoxin, Metil- und Acetyldigoxin beträgt diese Zeit etwa 1 ½
Tage. Bis das Mittel praktisch vollständig abgebaut ist, dauert es also etwa
eine ganze Woche. Bei Digitoxin beträgt die Halbwertszeit sogar eine Woche,
selbst drei Wochen nach Beendigung der Einnahme von Digitoxin lässt es sich also
noch nachweisen. Digitoxin ist daher nur sehr träge steuerbar und sollte nur
dann eingesetzt werden, wenn eine schwere Nierenfunktionsschwäche vorliegt. Dann
verbieten sich nämlich die besser steuerbaren, aber hauptsächlich durch die
Niere ausgeschiedenen Digoxinpräparate, die sich bei Niereninsuffizienz
gefährlich anreichern könnten. Digitoxin kann hingegen auch über die Galle
ausgeschieden werden.
Die chemische Struktur verschiedener Digitalispräparate: Chemisch und von der
Wirkung fast identisch, jedoch unterschiedliche Verstoffwechselung im Körper
Warum
keine pflanzlichen Zubereitungen mit Digitalis?
Rein
theoretisch könnte man eine Digitalis
therapie nach den
Richtlinien von Withering mit einem Tee oder einer Tinktur durchführen. Da der
Glykosid-Gehalt solcher Zubereitungen aber mitunter sehr stark abweichen kann,
ist wegen der Gefahr der Unter- oder Überdosierung davon dringend abzuraten und
unbedingt die ärztlich gesteuerte Therapie mit standardisierten Präparaten zu
empfehlen.
Tab. 1
Anzeigen
für Digitalis
♥
Herzmuskelschwäche
♥
Vorhofflimmern/Vorhofflattern mit hoher
Herzfrequenz
♥
Paroxsymale supraventrikuläre Tachykardie
Tab. 2
Digitalis
in Deutschland (unvollständige Aufzählung)
|
Substanz |
Handelsname |
|
Digitoxin |
z.B. Digimerck®,
|
|
Digoxin |
z.B.
Digacin®, Lanicor® |
|
β-Acetyldigoxin |
z.B. Novodigal®,
Stillacor® |
|
Metildigoxin |
z.B. Lanitop® |
Die
Rote-Liste 2006 enthält 19 verschiedene Digitalis -Präparate. Es gibt Tabletten,
Lösung und Ampullen. Unter Berücksichtigung verschiedener Dosierungen gibt es
etwa hundert verschiedene Präparate!
Tab. 3
Wichtige
Gegenanzeigen für Digitalis
♥
Hyperkaliämie (zuviel Kalium im Blut)
♥
Hypokaliämie (zuwenig Kalium im Blut)
♥
Hyperkalzämie (zuviel Kalzium im Blut)
♥
Thorakales Aortenaneurysma (Aussackung der Hauptschlagader in der Brust)
♥
Hypertrophe obstruktive Kardiomyopathie (bestimmte Herzmuskelerkrankung)
♥
Karotissinussyndrom, WPW-Syndrom, AV-Block II° und III° (bestimmte
Herzrhythmusstörungen)
Besondere
Vorsicht ist gegeben bei:
♥
Höherem Lebensalter
♥
Unterfunktion der Schilddrüse
♥
Sauerstoffmangel
♥
Störungen des Säure-Basen-Haushaltes
♥
Akuter Herzinfarkt
♥
Eingeschränkte Nierenfunktion (außer Digitoxin)
♥
Myokarditis (Herzmuskelentzündung)
♥
Unmittelbar vor einer Kardioversion (Therapie zur Überführung von
Vorhofflimmern/flattern
in den normalen Sinusrhythmus)
♥
Schwangerschaft, Stillzeit
Digitalis:
Fazit
Digitalis
präparate gehören zu den ältesten, bewährtesten, preiswertesten und
immer noch wirksamsten Herzmedikamenten. Im Prinzip handelt es sich sogar noch
um eine Pflanzenheilkunde, da nur gering chemisch veränderte natürliche
Substanzen verwendet werden. Wenn die richtige Anzeige besteht, die Therapie gut
überwacht wird (im Zweifel kann der Arzt auch eine
Digitalis
bestimmung im Blut
veranlassen) und der Patient selbst gut auf eventuell auftretende
Nebenwirkungen
achtet, dann handelt es sich um eine relativ sichere medikamentöse Therapie, die
unter Nutzen-Risiko-Abwägung für den Patienten äußerst vorteilhaft sein kann.
Digitalis stellt auch nach mehr als 200 Jahren Anwendung immer noch ein
unverzichtbares therapeutisches Instrument in der Hand des damit erfahrenen
Arztes dar.
Tab. 4
Nebenwirkungen
von Digitalis
♥
Allergische Reaktionen
♥
Sehstörungen (verändertes Farbsehen, bes. bei Überdosierung)
♥ Psychische
Störungen wie Verwirrtheit, Agitiertheit,
Alpträume,
Halluzinationen,
Depressionen
(selten)
♥
Kopfschmerzen, Müdigkeit,
Schlaflosigkeit
♥
Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen (bes. bei Überdosierung)
♥
Bauchbeschwerden, z.B.
Durchfall (selten)
♥
Gynäkomastie (Brustwachstum bei Männern, selten)
♥
Herzrhythmusstörungen
♥
Thrombozytopenie (zuwenig Blutplättchen)
Tab. 5
Wechselwirkungen von Digitalis mit anderen
Medikamenten
|
Kalzium (i.v.) |
Digitalisgiftigkeit
↑ |
|
Entwässerungsmittel |
Digitaliswirkung
↑ |
|
Kaliumsparende
Entwässerungsmittel |
Digitaliswirkung
¯ |
|
Laxantien
(Abführmittel) |
Digitaliswirkung ↑ |
|
Kortikoide |
Digitaliswirkung
↑ |
|
ACTH
(Hypophysenhormon) |
Digitaliswirkung
↑ |
|
Penicillin G |
Digitaliswirkung
↑ |
|
Salicylate (z.B.
Aspirin®) |
Digitaliswirkung
↑ |
|
Reserpin |
Gefahr von
Rhythmusstörungen
↑ |
|
Trizyklische
Antidepressiva (z.B. Saroten®) |
Gefahr von
Rhythmusstörungen
↑ |
|
Sympathomimetika |
Gefahr von
Rhythmusstörungen
↑ |
|
Phosphodiesterasehemmer (z.B. Viagra®) |
Gefahr von
Rhythmusstörungen
↑ |
|
Aktivkohle |
Digitaliswirkung
¯ |
|
Pektin |
Digitaliswirkung
¯ |
|
Colestyramin |
Digitaliswirkung
¯ |
|
(unvollständige
Liste, die verschiedenen Digitalispräparate weisen nochmals einige
Wechselwirkungen zu verschiedenen
Medikamenten auf) |
Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift "Der Naturarzt". Wir danken dem
Access-Verlag für die freundliche Genehmigung zum Abdruck.
www.naturarzt-access.de
Mit den besten Wünschen für Ihre Gesundheit
©
Dr. Volker
Schmiedel
Chefarzt der Inneren
Abteilung
FA für Physikalische und Rehabilitative Medizin
Naturheilverfahren, Homöopathie
Dozent für Biologische Medizin
(Univ. Mailand).

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