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Digitalis ©

Digitalis hat in der modernen Kardiologie immer noch seinen Stellenwert


Was ist
Digitalis?

Digitalis gehört zur Gruppe der Herzglykoside. Dabei handelt es sich um Verbindungen pflanzlicher Herkunft aus dem roten, gelben und wolligen Fingerhut. Herzwirksame Glykoside finden sich auch in Strophantus, Oleander, Adonis, Meerzwiebel und dem Maiglöckchen. Aus Gründen der Übersichtlichkeit wollen wir uns hier aber auf die Digitalis -Glykoside beschränken. Sie sind stark wirksam und es treten relativ häufig Nebenwirkungen auf, weshalb sie sämtlich der Verschreibungspflicht unterliegen und die Therapie von darin erfahrenen Ärzten genau überwacht werden sollte. Die Gleichung „pflanzlich = harmlos + unbedenklich“ geht also nicht immer auf, wie wir gerade am Beispiel Digitalis sehen. 

  William Withering führte Digitalis in die Medizin ein 

Bereits im 18. Jahrhundert hat der englische Arzt Withering exakte Dosierungsempfehlungen für Digitalis bei „Herzwassersucht“ (Einlagerung von Wasser im Körper durch Herzschwäche) ausgearbeitet. Er steuerte die Dosierung von Digitalis extrakten nach der Wirksamkeit und den eingetretenen Nebenwirkungen und erzielte dabei erstaunliche Erfolge. Seine Dosierungsschemen waren sehr exakt und sind im Prinzip noch heute gültig. Seine Nachfolger hielten sich jedoch nicht immer an seine Regeln, so dass Digitalis wegen damit verbundener, teilweise tödlicher Nebenwirkungen in Misskredit geriet. Erst nach dem 2. Weltkrieg – als es gelang, Reinglykoside und damit exakt dosierbare Präparate herzustellen – kam es zu einer Renaissance von Digitalis. In den darauf folgenden Jahrzehnten erhielt jeder, bei dem auch nur der geringste Verdacht auf eine Herzschwäche bestand (genaue Untersuchungsmethoden wie die Echokardiographie = Herzultraschall standen vor 50 Jahren noch nicht zur Verfügung) ein Digitalis präparat. Da man annahm, dass ab dem 60. Lebensjahr praktisch jedes Herz schwach wurde (so genanntes „Altersherz“), erhielten auch viele ältere Menschen Digitalis, obwohl nach heutigen Diagnosekriterien keine Anzeige für eine Therapie bestand. Millionen von Menschen erhielten überflüssigerweise Digitalis, vermutlich Tausende starben hierdurch. Inzwischen ist das Pendel wieder nach der anderen Seite ausgeschlagen und viele Menschen erhalten kein Digitalis, obwohl sie davon profitieren könnten.  

 Digitalis – der Fingerhut, nicht nur eine schöne, sondern auch eine heilende Pflanze

Wir können an diesem Beispiel auf einer Meta-Ebene sehr schön erkennen, dass in der konventionellen Medizin die Lehrmeinung von gestern nicht selten der Kunstfehler von morgen und umgekehrt ist. Die heute geltenden Leitlinien werden von so genannten konservativen Medizinern häufig quasi als Religion angesehen. Ein Abweichen von diesen Leitlinien wird nicht selten geradezu kriminalisiert, ohne zu bedenken, dass diese Leitlinien in der Regel eine Halbwertszeit von weniger als zehn Jahren haben. 

Dabei hat Digitalis in der modernen Kardiologie immer noch seinen Stellenwert. In der Therapie der fortgeschrittenen Herzschwäche wird es nach ACE-Hemmern (bzw. AT1-Rezeptorantagonisten), Diuretika und Beta-Blockern an vierter Stelle als „Reservemittel“ eingesetzt, wenn die übrigen Medikamente allein nicht mehr ausreichen. Eine Ausnahme stellen dabei bestimmte Formen von tachykarden Herzrhythmusstörungen dar (z.B. absolute Arrhythmie bei Vorhofflimmern, supraventrikuläre Tachykardien), die mit einer sehr schnellen Herzfrequenz verbunden sind. Hier wird die frequenzsenkende Wirkung von Digitalis ausgenutzt. Digitalis ist hier immer noch das Mittel der Wahl (auch nach den geltenden Leitlinien), wird aber oft „vergessen“. Der Hauptgrund hierfür liegt auch in dem außerordentlich niedrigen Preis. Digitalis präparate sind nicht mehr patentierbar, da sie schon seit Jahrzehnten auf dem Markt sind. Pharmafirmen erzielen hiermit nur so geringe Gewinnmargen, dass es sich nicht lohnt, Digitalis durch Pharmareferenten in den Praxen oder durch Fortbildungskongresse bewerben zu lassen. Auch hier zeigt sich wieder eine Crux unseres Gesundheitssystems: Teure, patentgeschützte Mittel werden regelrecht in den Markt „gepeitscht“, preiswerte, altbewährte oder naturheilkundliche Präparate, die nicht dem Patentschutz unterliegen, werden hingegen nicht gefördert – dies ist mit ein Grund für die stetig steigenden Kosten im Gesundheitsbereich, der leider von unseren selbsternannten „Gesundheitsexperten“ und den Gesundheitspolitikern nicht genügend gewürdigt wird. 

Wie wirkt Digitalis?

Digitalis erhöht die Kontraktilität des Herzmuskels, d.h. der Muskel nimmt an Kraft zu. Bei manifester Herzschwäche kommt es so zu einer deutlichen Steigerung der Auswurfleistung. Übrigens tritt dieser Effekt nur beim geschädigten, nicht jedoch beim gesunden Herzmuskel auf, weshalb Gesunde nicht von Digitalis profitieren können, sondern allenfalls Nebenwirkungen erleiden. Als Doping-Mittel für Sportler (wegen der Herzkraftsteigerung) kommt es daher nicht in Frage. Gleichzeitig senkt Digitalis die Herzfrequenz herab. Das Herz schlägt dadurch langsamer und auch ökonomischer. 

Digitalis: Wo viel Wirkung, da auch viel Nebenwirkungen 

Digitalis ist für diesen Spruch, der für naturheilkundliche Mittel sonst nur bedingt zutrifft, das klassische Beispiel. Kaum ein Mittel – auch nicht in der Schulmedizin – hat eine so geringe therapeutische Breite wie Digitalis. Dies bedeutet, dass der Dosisabstand zwischen segensreicher Wirkung und gefährlicher Vergiftung nur sehr klein ist. Bei Überdosierung sind daher Nebenwirkungen und sogar Vergiftungserscheinungen recht häufig. Die Häufigkeit von relevanten Nebenwirkungen wird zwischen 7 und 22 % angegeben. Dabei sind Störungen des Herzrhythmus mit 90 % am häufigsten, gefolgt von Verdauungsbeschwerden mit etwa 50 bis 60 % und Nervenstörungen mit cirka 10 bis 15 %. 

Wenn unter einer Digitalis therapie die unten aufgeführten Nebenwirkungen auftreten, so sollte der Patient sehr schnell seinen Arzt davon informieren, damit dieser die Therapie entsprechend steuern kann. Auf keinen Fall sollten Patienten eigenmächtig die Dosis verändern! Auch wenn jahrelang dieselbe Dosis gut vertragen wurde, kann es zu einer verminderten oder einer vermehrten Wirkung (mit Nebenwirkungen) kommen, wenn sich beispielsweise die Versorgung mit Mineralien (z.B. Kalium, Kalzium) ändert oder andere Medikamente (siehe Wechselwirkungen) zusätzlich eingenommen werden. 

Digitalis: Was ist noch wichtig? 

Digitalis präparate haben eine sehr lange Halbwertszeit. Das ist diejenige Zeit, nach der die Hälfte des Mittels abgebaut ist. Bei Digoxin, Metil- und Acetyldigoxin beträgt diese Zeit etwa 1 ½ Tage. Bis das Mittel praktisch vollständig abgebaut ist, dauert es also etwa eine ganze Woche. Bei Digitoxin beträgt die Halbwertszeit sogar eine Woche, selbst drei Wochen nach Beendigung der Einnahme von Digitoxin lässt es sich also noch nachweisen. Digitoxin ist daher nur sehr träge steuerbar und sollte nur dann eingesetzt werden, wenn eine schwere Nierenfunktionsschwäche vorliegt. Dann verbieten sich nämlich die besser steuerbaren, aber hauptsächlich durch die Niere ausgeschiedenen Digoxinpräparate, die sich bei Niereninsuffizienz gefährlich anreichern könnten. Digitoxin kann hingegen auch über die Galle ausgeschieden werden. 


Die chemische Struktur verschiedener Digitalispräparate: Chemisch und von der Wirkung fast identisch, jedoch unterschiedliche Verstoffwechselung im Körper
 

Warum keine pflanzlichen Zubereitungen mit Digitalis? 

Rein theoretisch könnte man eine Digitalis therapie nach den Richtlinien von Withering mit einem Tee oder einer Tinktur durchführen. Da der Glykosid-Gehalt solcher Zubereitungen aber mitunter sehr stark abweichen kann, ist wegen der Gefahr der Unter- oder Überdosierung davon dringend abzuraten und unbedingt die ärztlich gesteuerte Therapie mit standardisierten Präparaten zu empfehlen. 

Tab. 1

Anzeigen für Digitalis

        Herzmuskelschwäche
  Vorhofflimmern/Vorhofflattern mit hoher Herzfrequenz
  Paroxsymale supraventrikuläre Tachykardie 

Tab. 2

Digitalis in Deutschland (unvollständige Aufzählung)

Substanz  Handelsname
Digitoxin z.B. Digimerck®,
Digoxin    z.B. Digacin®, Lanicor®
β-Acetyldigoxin z.B. Novodigal®, Stillacor®
Metildigoxin      z.B. Lanitop®

Die Rote-Liste 2006 enthält 19 verschiedene Digitalis -Präparate. Es gibt Tabletten, Lösung und Ampullen. Unter Berücksichtigung verschiedener Dosierungen gibt es etwa hundert verschiedene Präparate! 

Tab. 3

Wichtige Gegenanzeigen für Digitalis 

        Hyperkaliämie (zuviel Kalium im Blut)
  Hypokaliämie (zuwenig Kalium im Blut)
  Hyperkalzämie (zuviel Kalzium im Blut)
  Thorakales Aortenaneurysma (Aussackung der Hauptschlagader in der Brust)
  Hypertrophe obstruktive Kardiomyopathie (bestimmte Herzmuskelerkrankung)
  Karotissinussyndrom, WPW-Syndrom, AV-Block II° und III° (bestimmte
    Herzrhythmusstörungen

Besondere Vorsicht ist gegeben bei:

      ♥  Höherem Lebensalter
  Unterfunktion der Schilddrüse
  Sauerstoffmangel
  Störungen des Säure-Basen-Haushaltes
  Akuter Herzinfarkt
  Eingeschränkte Nierenfunktion (außer Digitoxin)
  Myokarditis (Herzmuskelentzündung)
  Unmittelbar vor einer Kardioversion (Therapie zur Überführung von Vorhofflimmern/flattern
     in den normalen Sinusrhythmus)

  Schwangerschaft, Stillzeit

Digitalis: Fazit 

Digitalis präparate gehören zu den ältesten, bewährtesten, preiswertesten und immer noch wirksamsten Herzmedikamenten. Im Prinzip handelt es sich sogar noch um eine Pflanzenheilkunde, da nur gering chemisch veränderte natürliche Substanzen verwendet werden. Wenn die richtige Anzeige besteht, die Therapie gut überwacht wird (im Zweifel kann der Arzt auch eine
Digitalis
bestimmung im Blut veranlassen) und der Patient selbst gut auf eventuell auftretende Nebenwirkungen achtet, dann handelt es sich um eine relativ sichere medikamentöse Therapie, die unter Nutzen-Risiko-Abwägung für den Patienten äußerst vorteilhaft sein kann. Digitalis stellt auch nach mehr als 200 Jahren Anwendung immer noch ein unverzichtbares therapeutisches Instrument in der Hand des damit erfahrenen Arztes dar.

Tab. 4

Nebenwirkungen von Digitalis

      ♥  Allergische Reaktionen
  Sehstörungen (verändertes Farbsehen, bes. bei Überdosierung)
  Psychische Störungen wie Verwirrtheit, Agitiertheit,
Alpträume, Halluzinationen, Depressionen
    (selten)
  Kopfschmerzen, Müdigkeit, Schlaflosigkeit
  Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen (bes. bei Überdosierung)
  Bauchbeschwerden, z.B. Durchfall (selten)
  Gynäkomastie (Brustwachstum bei Männern, selten)
  Herzrhythmusstörungen
  Thrombozytopenie (zuwenig Blutplättchen) 

Tab. 5

Wechselwirkungen von Digitalis mit anderen Medikamenten

Kalzium (i.v.) Digitalisgiftigkeit
Entwässerungsmittel Digitaliswirkung
Kaliumsparende Entwässerungsmittel  Digitaliswirkung ¯
Laxantien (Abführmittel) Digitaliswirkung
Kortikoide Digitaliswirkung
ACTH (Hypophysenhormon) Digitaliswirkung
Penicillin G Digitaliswirkung
Salicylate  (z.B. Aspirin®)  Digitaliswirkung
Reserpin Gefahr von Rhythmusstörungen
Trizyklische Antidepressiva (z.B. Saroten®) Gefahr von Rhythmusstörungen
Sympathomimetika Gefahr von Rhythmusstörungen
Phosphodiesterasehemmer (z.B. Viagra®) Gefahr von Rhythmusstörungen
Aktivkohle Digitaliswirkung ¯
Pektin Digitaliswirkung ¯
Colestyramin Digitaliswirkung ¯
(unvollständige Liste, die verschiedenen Digitalispräparate weisen nochmals einige Wechselwirkungen zu verschiedenen Medikamenten auf)

Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift "Der Naturarzt". Wir danken dem Access-Verlag für die freundliche Genehmigung zum Abdruck. www.naturarzt-access.de

Mit den besten Wünschen für Ihre Gesundheit

 © Dr. Volker Schmiedel
Chefarzt der Inneren Abteilung
FA für Physikalische und Rehabilitative Medizin
Naturheilverfahren, Homöopathie
Dozent für Biologische Medizin (Univ. Mailand).

Animationen animierte Augen

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Aktualisiert: Juni 2010

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