Blutverdünner
Zunächst eine Vorbemerkung: „Blutverdünner“ gibt es eigentlich gar nicht! Dies
würde ja bedeuten, dass beim Blut durch ein
Medikament die Viskosität geringer
wäre, es also deutlich bessere Fließeigenschaften aufwiese. Um dies zu
erreichen, müsste der Hämatokrit, also der Anteil fester Bestandteile im Blut
(zum überwiegenden Teil die roten Blutkörperchen) gesenkt werden. Der normale
Hämatokrit liegt bei etwa 40 bis 50 %. Ein Blut mit einem Hämatokrit unter 40 %
wäre tatsächlich „dünn“, über 50 % wäre es tatsächlich „dick“. In der Regel ist
ein Hämatokrit von knapp über 40 % anzustreben, da das Blut dann genügend
Sauerstoff binden kann und diesen dann auch schnell zu den Geweben
transportieren kann. Ist das Blut zu dünn, kann es zu wenig Sauerstoff binden.
Ist es zu dick, bindet es zwar viel Sauerstoff, fließt dann aber nicht mehr so
schnell. Die sicherste Maßnahme, um Blut wirklich zu verdünnen, ist der gute,
alte Aderlass, der bei vollblütigen Patienten mit hohem Hämatokrit und
beispielsweise
Die Medikamente, die landläufig als „Blutverdünner“ bezeichnet werden, wirken tatsächlich nur, indem sie die Blutgerinnung hemmen. Wenn eine Verletzung erfolgt, kommt es dann natürlich zu einem längeren und stärkeren Blutfluss aus der Wunde, was vermutlich die Legende von der Blutverdünnung hat entstehen lassen. Der
gebräuchlichste Blutverdünner
ist die mehr als hundert Jahre alte
Es gibt noch eine Reihe weiterer Thrombozytenaggregationshemmer, die ähnlich wie ASS wirken. Diese sollen hier nur erwähnt werden: Clodiprogel (z.B. Iscover®, Plavix®) oder Ticlodipin (z.B. Tiklyd®, Desitic®). In einigen bestimmten Fällen können diese Mittel sinnvoll sein (z.B. bei Magenbeschwerden unter ASS). Ob sie in der Langzeittherapie dem „billigen“, weil mittlerweile nicht mehr patentierten ASS wirklich überlegen sind, wie die Pharmaindustrie gern glauben machen will, bleibt abzuwarten. Blutverdünner: Marcumar hemmt die Bildung von Gerinnungsfaktoren Vor vielen Jahren entdeckten Viehzüchter, dass ihre Tiere an Blutungen verendeten, wenn sie viel von bestimmten Pflanzen auf den Weiden fraßen. Pharmakologen entdeckten, dass für diese Blutungen die in diesen Pflanzen enthaltenen Cumarine verantwortlich sind. Man entdeckte schnell, dass die Cumarine die Bildung bestimmter, in der Leber gebildeter Gerinnungsfaktoren spezifisch hemmen. Diese Cumarine sind praktisch Gegenspieler des für die Bildung dieser Faktoren notwendigen Vitamin K. Daher kann man mit einer zusätzlichen Zufuhr von Vitamin K die Gerinnungsfaktoren wieder ansteigen lassen. Diese Faktoren werden mit Hilfe des Quickwertes gemessen. Normal sind 70-130 %. Bei einer Marcumarisierung* strebt man einen deutlich niedrigeren Wert an, der laborchemisch regelmäßig kontrolliert werden muss – in der Ersteinstellung alle paar Tage, später bei relativ konstanten Werten alle paar Wochen. *Aus Gründen der Vereinfachung und wegen der Bekanntheit reden wir hier nur vom „Quickwert“, der eigentlich veraltet ist und inzwischen durch den methodenunabhängigen INR-Wert ersetzt wurde. Desgleichen verwenden wir nur den bekannten Begriff „Marcumar“, der stellvertretend für alle Phenprocoumon-Präparate stehen soll. Dieser Begriff ist mittlerweile feststehend wie Tempos für alle Papiertaschentücher. Marcumarisierung bedeutet die Einstellung auf Marcumar (oder ein Vergleichspräparat). Der marcumarisierte Patient ist derjenige, der Marcumar einnimmt. Da man
schon lange nach einem potenten
Blutverdünner: Respekt, aber keine Angst vor Marcumar! Beim Marcumar handelt es sich nun aber um eines der Medikamente, die mit einer großen Angst besetzt sind, besonders bei naturheilkundlichen Patienten - eigentlich nur noch mit der Angst vor Kortison oder Antibiotika vergleichbar. Auch beim Marcumar gilt jedoch: Gemeinsam mit dem Arzt sollten Sie Risiko und Nutzen sorgfältig abwägen. Die
Indikation für
Marcumar ist immer dann gegeben, wenn die Gefahr einer
Gerinnselbildung sehr groß ist. Und wenn die Gefahr länger als nur einige Tage
bestehen wird. In diesem Fall wird der Arzt nämlich eine Heparinspritze
verordnen (z.B. einige Tage postoperativ, wenn der Patient liegen muss und das
Risiko einer
Unterschenkelvenenthrombose groß ist). Auch bei den meisten künstlichen Blutverdünner: Marcumar, wenn der Vorhof flimmert Das
größte Indikationsgebiet ist aber die
Ø Behandlung und Vorbeugung von Thrombosen und Embolien
Tab. 2
Phenprocoumon in Deutschland
Tab. 3 Wichtige Gegenanzeigen für Phenprocoumon
Ø
Krankheiten
mit erhöhter Blutungsbereitschaft
Besondere Vorsicht ist gegeben bei:
Blutverdünner: Zahlreiche
|
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Verstärkung der Wirkung von Phenprocoumon |
| Ebenso: Fibrate, verschiedene Antibiotika, Allopurionol, Testosteron, Schilddrüsenhormone und viele andere |
| Barbiturate | Verminderung der Wirkung von Phenprocoumon |
| Ebenso: Carbamazepin, Kortison u.a. |
| Alkohol | akut Verstärkung der Wirkung, chronisch Verminderung der Wirkung |
Blutverdünner: Was tun bei einer Blutung unter Marcumar
Bei einer kleinen Wunde (z.B. in den Finger schneiden bei der Haushaltsarbeit) reicht ein etwas längeres Drücken auf die Wunde und ggf. ein Druckverband aus. Bestehen chronische Blutungen, sollte die Dosis reduziert oder Marcumar ganz abgesetzt werden, damit der Quickwert in den nächsten Tagen wieder deutlich ansteigen kann (nicht ohne ärztliche Zustimmung!). Viele Marcumarpatienten führen eine Ampulle mit Vitamin K mit sich, welche sie im Notfall zu sich nehmen sollen. Dies ist bestenfalls Psychotherapie (es dient nur der Beruhigung). Die Wirkung tritt nämlich erst nach zwei bis drei Tagen messbar ein. Besteht eine wirklich bedrohliche Blutung, dann muss der Quickwert rasch angehoben werden. Hierzu bedient man sich eines Prothrombinkomplexpräparates, welches die fehlenden Gerinnungsfaktoren ersetzt.
Blutverdünner: Niedrigeres Risiko durch Quickwertselbstbestimmung
Die
Behandlung mit
Marcumar ist ein schönes Beispiel, wie Patienten durch Übernahme
von Eigenverantwortung ihre Situation entscheidend verbessern können. Seit
einigen Jahren gibt es die Möglichkeit, den Quickwert (der die
Gerinnungssituation anzeigt) mit einem Blutstropfen und einem Messgerät ähnlich
der Blutzuckermessung selbst zu bestimmen. Der Patient legt aufgrund des Wertes
dann seine
Marcumardosis selbst fest. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass die
Einführung der Quickwertselbstbestimmung nicht ohne Widerstand seitens vieler
Ärzte geblieben ist. Da der Quickwert von vielen Faktoren
beeinflusst wird, starken Schwankungen unterliegen kann und die Veränderung
einer
Marcumardosis sich erst nach 2-3 Tagen richtig auswirkt, ist die exakte
Steuerung eine wahre Kunst, mit der sich auch Ärzte nicht immer ganz leicht tun.
Und diese schwierige und gefährliche Gratwanderung zwischen Scylla und Charybdis
(Blutung oder
Thrombose!) soll von Patienten selbst bewältigt werden?! Die
Kritiker wurden jedoch eines Besseren belegt: Inzwischen konnte eindeutig
nachgewiesen werden, dass gut geschulte Patienten (dies ist natürlich die
Grundvoraussetzung!) ihren Quickwert besser einstellen können, als dies der Arzt
vermag. Der Grund dafür ist sehr einleuchtend: Es geht für den Patienten
schließlich ans Eingemachte! Er weiß ganz genau: Wenn ich hier einen Fehler
begehe, dann verblute ich oder sitze nach einem
Schlaganfall im Rollstuhl.
Selbstverständlich gibt es Kontrollen und Rücksprachen mit den behandelnden
Ärzten.
Nicht jeder kann und sollte die Quickwertselbstbestimmung erlernen (nur bei Marcumarisierung über mehrere Jahre oder gar lebenslang ist dies sinnvoll). Auch sollte eine gewisse Geschicklichkeit (der Tropfen muss genau platziert werden) und Intelligenz vorhanden sein. Je älter und gebrechlicher (körperlich und geistig) ein Patient ist, desto weniger wird man es dem Patienten zutrauen. Bei 60-70 Jahren wird man irgendwo die Grenze ziehen, wobei "fitte" 70jährige durchaus noch dazu in der Lage sein können. Nach einer intensiven Schulung und einer Überprüfung der erlernten Fähigkeit, darf der Patient sich dann selbst einstellen. Und was Kritiker zunächst nicht wahrhaben wollten: Bei Patienten mit Quickwertselbstbestimmung ist sowohl die Blutungsneigung als auch die Thrombosegefahr deutlich niedriger als bei der Fremdbestimmung durch den Arzt. Wie in so vielen Bereichen gilt auch hier: Übernahme von Eigenverantwortung verbessert die Prognose!
Blutverdünner: Vergessen
Sie die
Ein Wort noch zu
Marcumar, Vitamin K und
Mit den besten Wünschen für Ihre Gesundheit
Chefarzt der Inneren Abteilung
FA für Physikalische und Rehabilitative Medizin
Naturheilverfahren, Homöopathie
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