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Antidepressiva ©  

Was sind Antidepressiva, wie wirken sie?

Antidepressiva erhöhen die Konzentration von bestimmten Botenstoffen im Gehirn (z.B. Serotonin, Noradrenalin). Bei der Fortleitung von Nervenimpulsen im zentralen Nervensystem werden diese Substanzen in den sogenannten synaptischen Spalt zwischen zwei Nervenzellen ausgeschüttet, docken an einem anderen Nerven an und übertragen so einen Impuls. Danach werden sie wieder in die Nervenzelle aufgenommen. Antidepressiva behindern die Rückaufnahme der Botenstoffe, so dass sie länger und intensiver ihre Wirkung entfalten können. Achtung: Bis zur Entfaltung der richtigen Wirkung können unter Umständen mehrere Wochen vergehen. Viele Depressive setzen Antidepressiva oft nach wenigen Tagen entmutigt ab, weil „sie ja doch nicht wirken“.

Tab. 1

Wichtige Anzeigen für Antidepressiva

Ø      Depressive Erkrankungen

Ø      Langfristige Schmerzbehandlung im Rahmen eines therapeutischen Gesamtkonzeptes 

Neben der antidepressiven haben die Antidepressiva auch noch andere Wirkungen, die teilweise sogar erwünscht, teilweise aber auch unangenehm und manchmal sogar gefährlich sein können. Antidepressiva wirken u.a. auch noch anxiolytisch (angstlösend), sedierend (beruhigend), stimmungsaufhellend und aktivierend. Die sedierende und die aktivierende Wirkung scheint widersprüchlich zu sein. Tatsächlich gibt es einige Mittel, bei denen die sedierende, andere bei denen die aktivierende Wirkung überwiegt. Manche Mittel beinhalten beide Fähigkeiten in etwa gleichem Ausmaß und es ist vom Individuum abhängig, welche Wirkung stärker zum Tragen kommt. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass der verordnende Arzt bei depressiven Patienten mit Selbstmordgefahr besonders bedacht das richtige Mittel auswählt, da die aktivierende manchmal vor der antidepressiven Wirkung einsetzt und so der Patient den letzten Antrieb für seinen Selbstmord erhalten könnte.  

Im Gegensatz zu den Tranquillantien haben Antidepressiva praktisch kein Abhängigkeitspotential. Trotzdem greifen viele Menschen gern zu Tranquillantien, weil damit auch ihre Probleme „zugedeckt“ werden, wehren sich jedoch gegen die Einnahme „richtiger“ Psychopharmaka, wie den Antidepressiva, obwohl diese ihnen unter Umständen viel besser helfen könnten. Gerade bei Schmerzpatienten (z.B. auch Fibromyalgiepatienten) werden immer wieder irrationale Ängste vor der Einnahme von Antidepressiva gesehen, die manchmal kaum zu überwinden sind. 

Ich möchte damit keineswegs einem zu sorglosen und großzügigen Umgang mit Antidepressiva das Wort reden. Wenn Menschen, denen anders nicht geholfen wird und die schon seit Jahren mit kostspieligen, teilweise viel nebenwirkungsbehafteteren und letztlich oft erfolglosen Therapieversuchen an sich herumdoktern lassen, dann sollte auch irgendwann einmal eine – oft nur vorübergehende – Medikation mit Antidepressiva in Erwägung gezogen werden. Aus einer modernen Schmerztherapie sind diese Mittel nicht mehr wegzudenken, da hiermit oftmals erst eine wirklich effektive Schmerzlinderung oder aber eine Einsparung von – mitunter auch nicht ganz nebenwirkungsarmen Schmerzmitteln – möglich wird. 

Tab. 2

Tri- und tetrazyklische Antidepressiva in Deutschland (unvollständige Aufzählung)

Substanz  Handelsname 
Amitriptylin  z.B. Amineurin®, Saroten®
Doxepin  z.B. Aponal®
Clomipramin z.B. Anafranil®
Maprotilin z.B. Ludiomil®
Mianserin  z.B. Mianeurin®, Tolvin®
Trimipramin  z.B. Eldoral®, Stangyl®
Opipramol   z.B. Insidon®
Dibenzepin  z.B. Noveril®
Mirtazapin    z.B. Remergil®

Die Rote-Liste 2004 enthält allein 71 verschiedene Antidepressiva, allein vom Typ der tri- und tetrazyklischen Antidepressiva. Dabei sind verschiedene Darreichungsformen (Tropfen, Tabletten, Zäpfchen, Ampullen) und Dosierungen sowie andere Antidepressiva (z.B. MAO-Hemmer, Serotoninwiederaufnahmehemmer) noch nicht einmal berücksichtigt. Dann gibt es sogar mehrere hundert verschiedene Präparate, was die Größe des „Marktes“ für diese Mittel veranschaulicht. 

Tab. 3

Wichtige Gegenanzeigen für Antidepressiva 

      Ø      Kombination mit MAO-Hemmern (eine andere Gruppe von Psychopharmaka)
Ø      Akute Vergiftungen mit Psychopharmaka oder Alkohol
Ø      Akute Delirien
Ø      Engwinkelglaukom („Grüner Star“)
Ø      Schwere Erregungsüberleitungsstörungen am Herzen 

Besondere Vorsicht ist gegeben bei:

      Ø      Verengungen im Magen-Darm-Kanal
     
Ø      Blasenentleerungsstörungen mit Restharn
     
Ø      Vorgeschädigtes Herz
     
Ø      Schwere Leberfunktionsstörung
     
Ø      Erhöhte zerebrale Krampfbereitschaft (z.B. Epilepsie)
     
Ø      Schwangerschaft und Stillzeit
     
Ø      Anderen psychischen Erkrankungen (Facharzt!) 

Zahlreiche Nebenwirkungen sind möglich 

Die Nebenwirkungsliste ist unglaublich lang und schreckt viele, besonders naturheilkundeorientierte Patienten ab. Die häufigsten Nebenwirkungen sind solche, die das vegetative Nervensystem betreffen. Dieses unwillkürliche Nervensystem steuert Funktionen wie Schwitzen, Wasserlassen oder den Herzschlag. Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit, Verstopfung, schnelles Herzschlagen sind daher relativ häufig. Solche Nebenwirkungen können unangenehm sein, sind aber meist harmlos. Wenn schon eine Neigung zu entsprechenden Störungen bekannt ist, können diese natürlich noch einmal verstärkt werden. Von vielen Patienten, besonders Frauen, wird die Appetitsteigerung und Gewichtszunahme als sehr belastend erlebt. Hier gilt es – ebenso wie bei den anderen Nebenwirkungen – Risiken und Nutzen sorgfältig gegeneinander abzuwägen. Die erfolgreiche Behandlung einer schweren Depression oder starker Schmerzen ist meist höher zu bewerten als eine Gewichtszunahme um einige Kilogramm. Bei Auftreten stärkerer oder subjektiv unangenehmer Nebenwirkungen sollte anstelle der trizyklischen Antidepressiva die Gabe der neueren sogenannten Serotoninwiederaufnahmehemmer erwogen werden. Bei leichten Depressionen, die vielleicht auch mit psychotherapeutischen Gesprächen oder mit einem gut dosierten Johanniskrautpräparat zu behandeln wären, fallen vielleicht die Nebenwirkungen stärker in die Waagschale. Nebenbei: Die Kombination von antidepressiven Medikamenten mit Psychotherapie hat sich in Studien als sehr günstig erwiesen. 

Bei Vorerkrankungen wie Glaukom, Herz- oder Lebererkrankungen ist vom Arzt die Risiko-Nutzen-Analyse besonders sorgfältig vorzunehmen. Ganz wichtig: Erhöhen oder vermindern Sie niemals ohne ärztliche Rücksprache die Dosis des Antidepressivums. Antidepressiva sollten auch nicht „eben mal bei Bedarf“ eingenommen werden.

Achtung: eine Nebenwirkung erwähnen die Beipackzettel noch gar nicht. In neuen Studien ist bekannt geworden, dass Antidepressiva – und hier die als besonders nebenwirkungsarm geltenden neuen SSRI – zu einem verstärkten Knochenabbau bei Frauen führen. Insbesondere bei Frauen in oder nach den Wechseljahren, bei Vorliegen von Risiken für Osteoporose oder gar bereits bekannter Osteoporose sollte also die Indikation für diese SSRI besonders streng gestellt werden. 

Tab. 4

Nebenwirkungen von Antidepressiva

      Ø      Hautausschläge
Ø     
Schwitzen (selten)
Ø      Muskelzittern
Ø      Starke Beruhigung
Ø      Schwindel, Kopfschmerz, Unruhe, Schlafstörungen, Verwirrtheit
Ø      Epileptische Anfälle (sehr selten)
Ø      Nervenschäden (Einzelfälle)
Ø      Sexuelle Störungen
Ø      Selbstmordgefahr (wenn die Antriebshemmung wegfällt)
Ø      Glaukomauslösung, Sehstörungen beim „Scharfstellen“ der Linse
Ø      Verminderter Tränenfluss (Achtung: Kontaktlinsenträger!)
Ø      Appetitsteigerung, Gewichtszunahme
Ø      Mundtrockenheit
Ø      Magen-Darmstörungen (z.B. Übelkeit, Erbrechen)
Ø       Verstopfung
Ø      Leberfunktionsstörungen (selten)
Ø      Gynäkomastie (Brustwachstum auch bei Männern), Galaktorrhoe (Milchfluss) (beides sehr
      selten)
Ø      Änderungen des Blutzuckers (selten)
Ø      Herzschwäche oder Verstärkung einer solchen
Ø      Blutdrucksenkung, manchmal auch Blutdrucksteigerung
Ø      Herzrhythmusstörungen, meist schnelles Herzschlagen
Ø      Blutbildveränderungen
Ø      Blasenentleerungsstörungen
Ø      Gefäßentzündungen (Einzelfälle)
Ø      Bei raschem Absetzen evtl. Absetzsyndrom mit Unruhe, Angst, Erregung, Übelkeit,
      Erbrechen,
Durchfall

Tab. 5

Wechselwirkungen von Antidepressiva mit anderen Medikamenten (nicht vollständig)

Guanethidin, Clonidin (bestimmte Blutdrucksenker) Blutdrucksenkung verstärkt
Alkohol   Sedierung verstärkt
 Neuroleptika (bestimmte Psychopharmaka)  Sedierung verstärkt
Chinidin (gegen Herzrhythmusstörungen Erregungsleitungsstörungen
Cimetidin (ein Mittel gegen Magensäure) erhöhte Konzentration des Antidepressivums
Digitalispräparate   Gefahr von Herzrhythmusstörungen erhöht

Vorsicht bei Einnahme anderer Medikamente 

Insbesondere Medikamente, die auch in irgendeiner Weise auf die Psyche wirken, sollten in Kombination mit Antidepressiva nur sehr zurückhaltend und unter ärztlicher Kontrolle eingenommen werden. Bei anderen Medikamenten solle unbedingt anhand des Beipackzettels geprüft werden, ob eine gleichzeitige Einnahme erlaubt ist oder was ggf. beachtet werden muss. 

Fazit

Die Nebenwirkungen können, müssen aber nicht eintreten. Psychisch labile Menschen sollten sich ohnehin überlegen, ob sie den Beipackzettel mit den Nebenwirkungen vor der Einnahme durchlesen, um nicht die Nebenwirkungen selbst zu produzieren, die dort beschrieben sind (im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung). Bei schweren Depressionen oder bei starken chronischen Schmerzen, die mit Schmerzmitteln allein nicht gut eingestellt sind, sollte eine Gabe von Antidepressiva in Erwägung gezogen werden. Ggf. kann nach einigen Monaten unter ärztlicher Kontrolle ein Auslassversuch unternommen werden. Dabei sollten hohe Dosierungen aber nicht abrupt abgesetzt werden, da dann unter Umständen ein Absetzsyndrom mit Unruhe, Angst, Erregung, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall auftreten kann. Antidepressiva sollten nicht leichtfertig verschrieben werden. Manches Problem, welches depressiv macht, kann mit einem guten Gespräch gelöst werden. Die richtige Einstellung (z.B. „Wenn ich ein Problem nicht lösen kann, muss ich meine Einstellung zu diesem Problem ändern.“) vermag uns vor psychischen Krankheiten zu schützen. Pflanzliche und homöopathische Mittel entfalten bei vielen psychischen Störungen segensreiche Wirkungen. Auch hier gilt aber: Wer heilt, hat recht. Ist mit allen anderen Maßnahmen kein befriedigender Erfolg zu erzielen (bei schwerer Depression sollte man auch gleich an Antidepressiva denken), dann sollte nicht zu lange vor einer antidepressiven Medikation zurückgeschreckt werden.

 © Dr. Volker Schmiedel
Chefarzt der Inneren Abteilung
FA für Physikalische und Rehabilitative Medizin
Naturheilverfahren, Homöopathie
Dozent für Biologische Medizin (Univ. Mailand).

Animationen animierte Augen

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Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift "Der Naturarzt". Wir danken dem Access-Verlag für die freundliche Genehmigung zum Abdruck. www.naturarzt-access.de

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Aktualisiert: Juni 2010

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