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HABICHTSWALDKLINIK
Klinik für Ganzheitsmedizin und Naturheilkunde
Abteilung Innere Medizin und Naturheilkundliche Ambulanz
34131 Kassel - Bad Wilhelmshöhe
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Antidepressiva
©
Was sind
Antidepressiva, wie wirken sie?
Antidepressiva erhöhen die Konzentration von bestimmten Botenstoffen im Gehirn
(z.B.
Serotonin, Noradrenalin). Bei der Fortleitung von Nervenimpulsen im
zentralen Nervensystem werden diese Substanzen in den sogenannten synaptischen
Spalt zwischen zwei Nervenzellen ausgeschüttet, docken an einem anderen Nerven
an und übertragen so einen Impuls. Danach werden sie wieder in die Nervenzelle
aufgenommen. Antidepressiva behindern die Rückaufnahme der Botenstoffe, so dass
sie länger und intensiver ihre Wirkung entfalten können. Achtung: Bis zur
Entfaltung der richtigen Wirkung können unter Umständen mehrere Wochen vergehen.
Viele Depressive setzen Antidepressiva oft nach wenigen Tagen entmutigt ab, weil
„sie ja doch nicht wirken“.
Tab. 1
Wichtige
Anzeigen für Antidepressiva
Ø
Depressive Erkrankungen
Ø
Langfristige Schmerzbehandlung im Rahmen eines therapeutischen Gesamtkonzeptes
Neben
der antidepressiven haben die Antidepressiva auch noch andere Wirkungen, die
teilweise sogar erwünscht, teilweise aber auch unangenehm und manchmal sogar
gefährlich sein können. Antidepressiva wirken u.a. auch noch anxiolytisch (angstlösend),
sedierend (beruhigend), stimmungsaufhellend und aktivierend. Die sedierende und
die aktivierende Wirkung scheint widersprüchlich zu sein. Tatsächlich gibt es
einige Mittel, bei denen die sedierende, andere bei denen die aktivierende
Wirkung überwiegt. Manche Mittel beinhalten beide Fähigkeiten in etwa gleichem
Ausmaß und es ist vom Individuum abhängig, welche Wirkung stärker zum Tragen
kommt. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass der verordnende Arzt bei
depressiven Patienten mit
Selbstmordgefahr besonders bedacht das richtige Mittel
auswählt, da die aktivierende manchmal vor der antidepressiven Wirkung einsetzt
und so der Patient den letzten Antrieb für seinen
Selbstmord erhalten könnte.
Im
Gegensatz zu den
Tranquillantien haben Antidepressiva praktisch kein
Abhängigkeitspotential. Trotzdem greifen viele Menschen gern zu
Tranquillantien,
weil damit auch ihre Probleme „zugedeckt“ werden, wehren sich jedoch gegen die
Einnahme „richtiger“ Psychopharmaka, wie den Antidepressiva, obwohl diese ihnen
unter Umständen viel besser helfen könnten. Gerade bei
Schmerzpatienten (z.B.
auch
Fibromyalgiepatienten) werden immer wieder irrationale Ängste vor der
Einnahme von Antidepressiva gesehen, die manchmal kaum zu überwinden sind.
Ich
möchte damit keineswegs einem zu sorglosen und großzügigen Umgang mit
Antidepressiva das Wort reden. Wenn Menschen, denen anders nicht geholfen wird
und die schon seit Jahren mit kostspieligen, teilweise viel
nebenwirkungsbehafteteren und letztlich oft erfolglosen Therapieversuchen an
sich herumdoktern lassen, dann sollte auch irgendwann einmal eine – oft nur
vorübergehende – Medikation mit Antidepressiva in Erwägung gezogen werden. Aus
einer modernen
Schmerztherapie sind diese Mittel nicht mehr wegzudenken, da
hiermit oftmals erst eine wirklich effektive Schmerzlinderung oder aber eine
Einsparung von – mitunter auch nicht ganz nebenwirkungsarmen Schmerzmitteln –
möglich wird.
Tab. 2
Tri- und
tetrazyklische Antidepressiva in Deutschland (unvollständige Aufzählung)
|
Substanz |
Handelsname |
|
Amitriptylin |
z.B. Amineurin®,
Saroten® |
|
Doxepin |
z.B. Aponal® |
|
Clomipramin |
z.B. Anafranil® |
|
Maprotilin |
z.B. Ludiomil®
|
|
Mianserin |
z.B.
Mianeurin®, Tolvin® |
|
Trimipramin |
z.B.
Eldoral®, Stangyl® |
|
Opipramol |
z.B.
Insidon® |
|
Dibenzepin |
z.B.
Noveril® |
|
Mirtazapin |
z.B.
Remergil® |
Die
Rote-Liste 2004 enthält allein 71 verschiedene Antidepressiva, allein vom Typ
der tri- und tetrazyklischen Antidepressiva. Dabei sind verschiedene
Darreichungsformen (Tropfen, Tabletten, Zäpfchen, Ampullen) und Dosierungen
sowie andere Antidepressiva (z.B. MAO-Hemmer,
Serotoninwiederaufnahmehemmer)
noch nicht einmal berücksichtigt. Dann gibt es sogar mehrere hundert
verschiedene Präparate, was die Größe des „Marktes“ für diese Mittel
veranschaulicht.
Tab. 3
Wichtige
Gegenanzeigen für Antidepressiva
Ø
Kombination mit MAO-Hemmern (eine andere Gruppe von Psychopharmaka)
Ø
Akute
Vergiftungen mit Psychopharmaka oder
Alkohol
Ø
Akute
Delirien
Ø
Engwinkelglaukom („Grüner Star“)
Ø
Schwere
Erregungsüberleitungsstörungen am Herzen
Besondere
Vorsicht ist gegeben bei:
Ø
Verengungen im Magen-Darm-Kanal
Ø
Blasenentleerungsstörungen mit Restharn
Ø
Vorgeschädigtes Herz
Ø
Schwere
Leberfunktionsstörung
Ø
Erhöhte
zerebrale Krampfbereitschaft (z.B.
Epilepsie)
Ø
Schwangerschaft und Stillzeit
Ø
Anderen
psychischen Erkrankungen (Facharzt!)
Die
Nebenwirkungsliste ist unglaublich lang und schreckt viele, besonders
naturheilkundeorientierte Patienten ab. Die häufigsten
Nebenwirkungen sind
solche, die das vegetative Nervensystem betreffen. Dieses unwillkürliche
Nervensystem steuert Funktionen wie Schwitzen, Wasserlassen oder den Herzschlag.
Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit,
Verstopfung, schnelles Herzschlagen sind
daher relativ häufig. Solche
Nebenwirkungen können unangenehm sein, sind aber
meist harmlos. Wenn schon eine Neigung zu entsprechenden Störungen bekannt ist,
können diese natürlich noch einmal verstärkt werden. Von vielen Patienten,
besonders Frauen, wird die Appetitsteigerung und Gewichtszunahme als sehr
belastend erlebt. Hier gilt es – ebenso wie bei den anderen
Nebenwirkungen –
Risiken und Nutzen sorgfältig gegeneinander abzuwägen. Die erfolgreiche
Behandlung einer schweren
Depression oder starker Schmerzen ist meist höher zu
bewerten als eine Gewichtszunahme um einige Kilogramm. Bei Auftreten stärkerer
oder subjektiv unangenehmer
Nebenwirkungen sollte anstelle der trizyklischen
Antidepressiva die Gabe der neueren sogenannten Serotoninwiederaufnahmehemmer
erwogen werden. Bei leichten
Depressionen, die vielleicht auch mit
psychotherapeutischen Gesprächen oder mit einem gut dosierten
Johanniskrautpräparat zu behandeln wären, fallen vielleicht die
Nebenwirkungen
stärker in die Waagschale. Nebenbei: Die Kombination von antidepressiven
Medikamenten mit Psychotherapie hat sich in Studien als sehr günstig erwiesen.
Bei
Vorerkrankungen wie Glaukom, Herz- oder Lebererkrankungen ist vom Arzt die
Risiko-Nutzen-Analyse besonders sorgfältig vorzunehmen. Ganz wichtig: Erhöhen
oder vermindern Sie niemals ohne ärztliche Rücksprache die Dosis des
Antidepressivums. Antidepressiva sollten auch nicht „eben mal bei Bedarf“
eingenommen werden.
Achtung: eine Nebenwirkung erwähnen die
Beipackzettel noch gar nicht. In neuen Studien ist bekannt geworden, dass
Antidepressiva – und hier die als besonders nebenwirkungsarm geltenden neuen
SSRI – zu einem verstärkten Knochenabbau bei Frauen führen. Insbesondere bei
Frauen in oder nach den Wechseljahren, bei Vorliegen von Risiken für
Osteoporose
oder gar bereits bekannter
Osteoporose
sollte also die Indikation für diese SSRI
besonders streng gestellt werden.
Tab. 4
Nebenwirkungen von
Antidepressiva
Ø
Hautausschläge
Ø
Schwitzen (selten)
Ø
Muskelzittern
Ø
Starke
Beruhigung
Ø
Schwindel,
Kopfschmerz, Unruhe,
Schlafstörungen, Verwirrtheit
Ø
Epileptische Anfälle (sehr selten)
Ø
Nervenschäden (Einzelfälle)
Ø
Sexuelle Störungen
Ø
Selbstmordgefahr (wenn die Antriebshemmung wegfällt)
Ø
Glaukomauslösung, Sehstörungen beim „Scharfstellen“ der Linse
Ø
Verminderter Tränenfluss (Achtung: Kontaktlinsenträger!)
Ø
Appetitsteigerung,
Gewichtszunahme
Ø
Mundtrockenheit
Ø
Magen-Darmstörungen (z.B. Übelkeit, Erbrechen)
Ø
Verstopfung
Ø
Leberfunktionsstörungen (selten)
Ø
Gynäkomastie (Brustwachstum auch bei Männern), Galaktorrhoe (Milchfluss) (beides
sehr
selten)
Ø
Änderungen des Blutzuckers (selten)
Ø
Herzschwäche
oder Verstärkung einer solchen
Ø
Blutdrucksenkung, manchmal auch Blutdrucksteigerung
Ø
Herzrhythmusstörungen, meist
schnelles Herzschlagen
Ø
Blutbildveränderungen
Ø
Blasenentleerungsstörungen
Ø
Gefäßentzündungen (Einzelfälle)
Ø
Bei
raschem Absetzen evtl. Absetzsyndrom mit Unruhe,
Angst, Erregung, Übelkeit,
Erbrechen,
Durchfall.
Tab. 5
Wechselwirkungen von Antidepressiva mit anderen Medikamenten (nicht vollständig)
|
Guanethidin, Clonidin (bestimmte
Blutdrucksenker) |
Blutdrucksenkung verstärkt |
|
Alkohol |
Sedierung verstärkt |
|
Neuroleptika
(bestimmte Psychopharmaka) |
Sedierung verstärkt |
|
Chinidin (gegen
Herzrhythmusstörungen) |
Erregungsleitungsstörungen |
|
Cimetidin (ein Mittel gegen
Magensäure) |
erhöhte Konzentration des
Antidepressivums |
|
Digitalispräparate |
Gefahr von
Herzrhythmusstörungen
erhöht |
Vorsicht
bei Einnahme anderer
Medikamente
Insbesondere
Medikamente, die auch in irgendeiner Weise auf die Psyche wirken,
sollten in Kombination mit Antidepressiva nur sehr zurückhaltend und unter
ärztlicher Kontrolle eingenommen werden. Bei anderen
Medikamenten solle
unbedingt anhand des Beipackzettels geprüft werden, ob eine gleichzeitige
Einnahme erlaubt ist oder was ggf. beachtet werden muss.
Fazit
Die
Nebenwirkungen können, müssen aber nicht eintreten. Psychisch labile Menschen
sollten sich ohnehin überlegen, ob sie den Beipackzettel mit den
Nebenwirkungen
vor der Einnahme durchlesen, um nicht die
Nebenwirkungen selbst zu produzieren,
die dort beschrieben sind (im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung). Bei
schweren
Depressionen oder bei starken
chronischen
Schmerzen, die mit
Schmerzmitteln allein nicht gut eingestellt sind, sollte eine Gabe von
Antidepressiva in Erwägung gezogen werden. Ggf. kann nach einigen Monaten unter
ärztlicher Kontrolle ein Auslassversuch unternommen werden. Dabei sollten hohe
Dosierungen aber nicht abrupt abgesetzt werden, da dann unter Umständen ein
Absetzsyndrom mit Unruhe,
Angst, Erregung, Übelkeit, Erbrechen,
Durchfall
auftreten kann. Antidepressiva sollten nicht leichtfertig verschrieben werden.
Manches Problem, welches depressiv macht, kann mit einem guten Gespräch gelöst
werden. Die richtige Einstellung (z.B. „Wenn ich ein Problem nicht lösen kann,
muss ich meine Einstellung zu diesem Problem ändern.“) vermag uns vor
psychischen Krankheiten zu schützen. Pflanzliche und
homöopathische Mittel
entfalten bei vielen psychischen Störungen segensreiche Wirkungen. Auch hier
gilt aber: Wer heilt, hat recht. Ist mit allen anderen Maßnahmen kein
befriedigender Erfolg zu erzielen (bei schwerer
Depression sollte man auch
gleich an Antidepressiva denken), dann sollte nicht zu lange vor einer
antidepressiven Medikation zurückgeschreckt werden.
©
Dr. Volker
Schmiedel
Chefarzt der Inneren Abteilung
FA für Physikalische und Rehabilitative Medizin
Naturheilverfahren, Homöopathie
Dozent für Biologische Medizin
(Univ. Mailand).

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Wir danken dem Access-Verlag für die freundliche Genehmigung zum Abdruck.
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Aktualisiert: Juni
2010
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