Acetylsalicylsäure
Wenn man einer Substanz den Titel „Medikament des 20. Jahrhunderts“ verleihen sollte, dann wäre die Acetylsalicylsäure mit dem bekannten Handelsnamen Aspirin® sicher einer der heißesten Anwärter. Die Salicylsäure aus der Weidenrinde war schon länger für ihre fiebersenkenden und schmerzlindernden Wirkungen bekannt. Ende des 19. Jahrhundert versetzte schließlich ein Apotheker diese Substanz mit Essigsäure und erhielt so die patentierbare Acetylsalicylsäure (im folgenden ASS). 1899 kam diese dann als Aspirin® auf den Markt und trat den Siegeszug um die ganze Welt an. Zum hundertsten Geburtstag betrug die Weltjahresproduktion dieses Wirkstoffes 50.000 Tonnen. Das sind 100 Milliarden Tabletten (je 500 mg). Dies bedeutet, dass jeder Erdenbürger – vom Säugling bis zum Greis, vom Grönländer bis zum Südafrikaner – im Jahr durchschnittlich zwanzig dieser Tabletten einnimmt.
Wie
wirkt
Acetylsalicylsäure greift in die Prostaglandinsynthese ein (s. Abb.). Aus der ungesättigten Fettsäure Arachidonsäure werden durch das Enzym Cyclooxygenase sogenannte Prostaglandine gebildet. Diese stellen Botenstoffe im Organismus dar und fördern u.a. Entzündungsprozesse. Cyclooxygenase
Acetylsalicylsäure Acetylsalicylsäure
hemmt die Funktion dieses Enzyms, so dass weniger Prostaglandine entstehen.
Daraus resultiert die fiebersenkende, entzündungshemmende und schmerzlindernde
Wirkung der Acetylsalicylsäure. Da einige der Prostaglandine wichtig für den Schutz der
Magenschleimhaut sind, erklärt sich hieraus auch die Nebenwirkung von Acetylsalicylsäure, „auf
den Magen zu gehen“. Auch die übrigen Wirkprinzip blieb lange Zeit unentdeckt Erst im Jahre 1971 entdeckte Prof. John Vane diese Hemmung der Prostaglandinsynthese durch Acetylsalicylsäure und deckte damit das Wirkprinzip auf. Bereits 1982 wurde diese Entdeckung durch den Nobelpreis gewürdigt. Nebenbei: Viele Schulmediziner kritisieren die Naturheilkunde, indem sie sagen: „Wir wären ja gern bereit, an die Wirkung der naturheilkundlichen Mittel und Verfahren zu glauben und diese auch einzusetzen, wenn wir denn nur wüssten, warum und wie sie funktionieren." Wenn sich solche rigiden Schulmediziner an ihre eigenen Vorgaben halten würden, hätten Sie keine Acetylsalicylsäure vor dem Jahre 1971 verordnen dürfen, da der Wirkmechanismus ja bis dahin nicht verstanden war. Entscheidend ist jedoch einzig und allein der Nachweis der Wirksamkeit. Deshalb sollten schulmedizinische, aber auch naturheilkundliche Medikamente dann eingesetzt werden, wenn nachgewiesen wurde, dass sie wirken – unabhängig davon, warum sie wirken. Wann wird Acetylsalicylsäure eingesetzt? Die
üblichen Indikationen von Acetylsalicylsäure kennt fast jeder aus eigener Erfahrung: Bei einem
Kopfschmerz nach durchzechter Nacht hilft es ebenso wie bei Gliederschmerzen im
Rahmen eines grippalen Infektes. Viele nehmen es bei Zahnschmerzen oder
beginnender
Acetylsalicylsäure schützt vor Herzinfarkt Neben
diesen „klassischen“ anti-entzündlichen, fiebersenkenkenden und
schmerzlindernden Wirkungen zeichnet sich Acetylsalicylsäure aber noch durch die sogenannte
Thrombozytenaggregationshemmung aus, d.h. die Fähigkeit von Blutplättchen, sich
zusammenzuklumpen und Gerinnsel zu bilden, wird von Acetylsalicylsäure behindert. Acetylsalicylsäure beugt
daher in gewissem Maße einem Gerinnsel in einem verengten Herzkranz-, Hirngefäß
oder Bypass vor. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass bei stark
gefährdeten Patienten, z.B. solchen bei denen eine Verengung von
Herzkranzgefäßen bereits nachgewiesen ist, das Risiko eines
Herzinfarktes durch
Einnahme von Acetylsalicylsäure um einige Prozent (nicht mehr und nicht weniger) sinkt. Der
Nutzen ist auch unter Berücksichtigung der
Nutzen und Risiko sorgfältig abwägen Im Einzelfall – wenn beispielsweise eine Neigung zu Magengeschwüren besteht – muss die Indikation natürlich individuell überprüft werden. Acetylsalicylsäure wird daher zur Sekundärprävention – wenn also schon Verengungen bekannt sind – allgemein empfohlen, wenn keine Gegenanzeigen vorliegen. Für diesen Zweck setzt man allerdings nicht auf die „Kopfschmerzdosis“ von 500 mg. Dem Nutzen bezüglich der Thrombozytenaggregationshemmung tut es keinen Abbruch, wenn nur 100 mg Acetylsalicylsäure eingesetzt werden (möglicherweise sind 50 oder gar 30 mg aber genauso wirksam, was bisher allerdings nur vermutet wird). In der sogenannten Primärprävention der Arteriosklerose hat sich Acetylsalicylsäure allerdings nicht bewährt. Bei der Vorbeugung von Arteriosklerose, ohne dass eine solche bekannt ist, starben in den Studien nämlich etwa genauso viele Personen an Magenbluten, wie andererseits durch verhütete Schlaganfälle oder Herzinfarkte gerettet werden konnten. Darum ist Acetylsalicylsäure für diese Form der Vorbeugung nicht zugelassen. Nebenbei: Für Bewegungstherapie oder etwa vegetarische Ernährung konnten sowohl in der Primär- als auch Sekundärprävention arteriosklerotischer Erkrankungen viel größere Risikominderungen als durch Acetylsalicylsäure aufgezeigt werden. Das heißt jetzt nicht, dass Acetylsalicylsäure alternativ durch diese Naturheilverfahren bei einer zwingenden Indikation für Acetylsalicylsäure ersetzt werden darf, rückt aber die Risikobewertung ins rechte Licht. Tab. 1 Anzeigen für Acetylsalicylsäure
♥ Fieber Tab. 2 Acetylsalicylsäure Präparate in Deutschland (unvollständige Aufzählung) Handelsname
Daneben
noch zahlreiche Präparate mit dem Namen
Tab. 3 Gegenanzeigen für Acetylsalicylsäure
♥ Überempfindlichkeit
gegenüber Acetylsalicylsäure oder ihren Abkömmlingen Zahlreiche Nebenwirkungen sind möglichWer sich
die Tabelle mit den zahlreichen Die Nebenwirkung „Tinnitus“ ist insofern interessant, als gerade bei Ohrensausen gern Acetylsalicylsäure zur „Blutverdünnung“ eingesetzt wird. Ein Auslassversuch über einige Monate mit der Fragestellung, ob der Tinnitus hierunter besser oder schlechter wird, ist empfehlenswert. Acetylsalicylsäure wird bevorzugt zur Behandlung von Kopfschmerzen eingesetzt. Diese segensreiche Wirkung hat fast jeder schon am eigenen Leib erfahren. Wenig bekannt ist jedoch, dass Acetylsalicylsäure – ebenso wie jedes andere Kopfschmerzmittel auch – die Neigung, wieder Kopfschmerzen zu bekommen, drastisch erhöht. Gerade Patienten mit chronischen oder immer wiederkehrenden Kopfschmerzen sollten dieses in der Pharmakologie als Schmerzmittel bedingten Kopfschmerz bekannte Phänomen beachten und sich um medikamentenfreie Alternativen bemühen. Der Säure-Basen-Haushalt wird – abgesehen von der Notfallmedizin – in der Schulmedizin üblicherweise vernachlässigt. Umso beachtlicher ist, dass selbst offizielle Lehrbücher die Möglichkeit der Störung des Säure-Basen-Haushaltes durch die Acetylsalicysäure für erwähnenswert halten. Viele
der beschriebenen
Tab. 4
♥ Hautrötungen,
Juckreiz,
in Einzelfällen schwere Überempfindlichkeitsreaktionen an der Haut
Bezüglich der Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten sollten Sie bei einer
Einnahme von Acetylsalicylsäure insbesondere darauf achten, ob Sie andere
Medikamente
einnehmen, die die Gerinnung beeinflussen. Die Wirkung von entsprechenden
Medikamenten wie Cumarinen (z.B. Dasselbe gilt für den Magen, wenn andere Medikamente eingenommen werden, die die Magenschleimhaut reizen, z.B. nicht-steroidale Antirheumatika vom Typ des Diclofenac oder Ibuprofen. Die Einnahme von Kortison erhöht ebenfalls das Risiko für den Magen. Wer Säurebinder einnimmt, sollte nicht gleichzeitig Acetylsalicylsäure einnehmen, da sonst die Acetylsalicylsäure kaum noch wirkt. Es sollte ein Einnahmeabstand von mindestens zwei Stunden eingehalten werden. Andererseits wird ein Säurebinder meist von Patienten mit Magenproblemen eingenommen, so dass die Gabe von Acetylsalicylsäure ohnehin zu hinterfragen ist. Tab. 5 Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten
♥ Antikoagulantien (z.B.
Marcumar®, Heparinspritze):
Blutungszeit verlängert Fazit
Acetylsalicylsäure ist
ein seit mehr als hundert Jahren bewährtes Medikament, welches akut Entzündungs-
und Schmerzzustände erfolgreich lindert und chronisch in der sekundären
Vorbeugung von
arteriosklerotischen Gefäßerkrankungen seinen Stellenwert hat.
Unter strenger Indikationsstellung ist es ein
Medikament, welches die meisten
Ärzte aus ihrem Arzneimittelschatz nicht mehr missen möchten. Bei Missachtung
der Gegenanzeigen und möglichen Literatur: Mit den besten Wünschen für Ihre Gesundheit
Informationen über das Therapieangebot der Inneren Abteilung:
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